Geistlicher Rundbrief Nr.: 2/1991

Gesetz - Geist - Freiheit

Liebe Mitchristen!

Diesmal möchte ich Ihnen eine Thematik näher bringen, die immer wieder aufgeworfen wird und deren Verständnis von größter Bedeutung ist. Es handelt sich um den Zusammenhang von

Gesetz - Geist - Freiheit

50 Tage nach dem Paschafest feierte man im späten Judentum zusammen mit dem Erntedankfest auch den Bundesschluss und die Gesetzgebung am Sinai. 50 Tage nach Ostern feiert die Kirche Pfingsten, das Fest, an dem sich mit der Ausgießung des Hl. Geistes das Erlösungsgeschehen erfüllte und der neue Bund offenbar wurde.

Alter Bund und neuer Bund, Gesetz des Buchstabens, Gesetz des Geistes, wie stehen sie zueinander? Diese Frage muss immer wieder neu bedacht werden. Ihr Verständnis hat wichtige Konsequenzen zum einen für das christliche Erlösungsverständnis, zum anderen für den Bereich von Ethik und Moral.

Gesetz und alter Bund

Der Begriff "Gesetz" wird im alten und im neuen Testament formal gleich verwendet. Die fünf Bücher des Mose, der Pentateuch, beinhalten jene Fülle von Gesetzen, die in ihrer Gesamtheit als Offenbarung des Willens des Bundesgottes Israels angesehen werden. Die Israeliten nannten die Gesamtheit dieser Gebote mit der Zeit die "tora", das Gesetz. Die tora enthält die Ordnung zwischen Jahwe und dem Volk, die man in etwa als Bundesregel bezeichnen kann. Diese Ordnung galt für Israel als Heilsordnung, was in jener Phase der Heilsgeschichte begründet liegt, die man altes Testament oder alten Bund nennt. In der Erwählung des Volkes Israel wurde Gott geschichtlich erfahrbar als der eine Gott, der die ganze Menschheit zur ewigen Gemeinschaft mit ihm berufen hat. Dieser Ruf, der als erster an Abraham ergangen war, wurde immer ausdrücklicher. Nach der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens fanden die Israeliten ihre Identität und ihren Bezugspunkt im Gesetz, das sie nach der Wüstenwanderung am Berg Sinai von Jahwe empfingen. Sie sollten die Gebote, die er ihnen durch Mose mitteilte, als Ausdruck seiner Weisheit und Liebe verstehen. Durch seine Gebote wollte er sie weiterhin führen und leiten. "Ihr habt selbst gesehen, wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und hier zu mir gebracht habe" (Ex 19,4).

Der Mensch ist frei. Durch die Mitteilung der Gebote wird unsere Freiheit nicht geschmälert, ähnlich wie die Anlegung und Markierung eines Weges unsere Freiheit nicht schmälern. Gott zeigt den Weg. Er macht auch auf die mit der Kenntnis des Weges verbundene Verantwortung aufmerksam. "Leben und Tod lege ich dir heute vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst..." (vgl. Dtn 30,19).

Das Volk gab seine freie Zustimmung: "Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun". Der alte Bund war geschlossen. Ein Opferritus drückte die Lebensgemeinschaft Gottes mit seinem Volk aus: Mose besprengte mit Blut, dem Zeichen des Lebens, den Altar und das Volk.

Die Propheten kündigen einen neuen Bund an

Israel hatte den Bund oft gebrochen. Es hielt sich nicht an die Gebote des Herrn und opferte fremden Göttern. Was würde aus dem erwählten Volk werden? Zur Zeit des Exils, als zudem auch politisch alles nach Niedergang aussah, klagte der Prophet Jeremia: "Gebrochen liegt die Tochter meines Volkes" (Jer 8, 18-21).

Aber Gott gibt seinen Bund nicht auf. Seine Antwort lautet: "Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt" (Jer 31,3). Und ausgerechnet in scheinbar aussichtsloser Situation ließ er durch Jeremia verkündigen: "Nach diesen Tagen werde ich mit dem Haus Israel einen neuen Bund schließen, nicht, wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe. Diesen Bund haben sie gebrochen. Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein" (Jer 31,31f). "Neu" bedeutet hier Neuschöpfung. Was ist damit gemeint? Bis jetzt war das Gesetz für den Menschen ein Gegenüber gewesen, dessen Forderungen er nicht immer nachkommen konnte, weil es seine Kraft überforderte. Der Mensch konnte am Gesetz zerbrechen. Deshalb wollte Gott den Menschen von innen her befähigen, die Gebote zu halten, indem er ihm das lebensspendende Gesetz ins Herz einpflanzte. Während die Gebote des alten Bundes auf Steintafeln eingeritzt waren, sollte der Mensch in Zukunft selber "ein Brief des lebendigen Gottes" sein (vgl. 2 Kor 3,3). Gottes Geist würde in ihm das Wollen und das Vollbringen schaffen. Wie geschieht dies?

Jesus Christus, der Mittler des neuen Bundes

"Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn...,damit er die freikaufte, die dem Gesetz unterstellt waren" (Gal 4,14). Beim Paschafest gedenken die Israeliten jener Nacht der Befreiung aus Ägypten, in der das Blut eines Lammes sie vor dem Todesengel bewahrte, der alle Erstgeburt Ägyptens schlug. Als Jesus mit seinen Jüngern das letzte Mal das Paschamahl feierte, nahm er den Kelch mit Wein und sprach: "Trinket alle daraus, das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28).
Es hatte im alten Bund keine Sündenvergebung gegeben. Zwar lud der Hohepriester alljährlich in einem Ritus die Sünden und Übertretungen des Volkes einem Sündenbock auf, den man dann vor die Tore der Stadt hinausjagte. Aber dies war, ähnlich wie die Taufe des Johannes am Jordan, nur ein Zeichen. Nun aber ließ sich der Sohn Gottes selber mit der Last der Sünden aller Menschen beladen. Davon zu Tode getroffen, gab er sein Leben als Sühnopfer. Er hat "den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und die Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben" (Kol 2,14). Jesus Christus hat die Welt mit Gott versöhnt und für jene, die an ihn glauben, die unverlierbare Gemeinschaft mit dem Vater im Himmel erworben.

Der durch Jeremia von Gott verheißene neue Bund war von seinem Zeitgenossen Ezechiel in noch anschaulicheren Bildern prophezeit worden: "Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt" (Ez 36,25-27).

Sind das bloß schöne Worte? Wird das vom Propheten Verheißene tatsächlich bei jemandem verwirklicht oder stellt es bloß eine Illusion dar? Die Einpflanzung des neuen Geistes geschieht nicht automatisch. Jesus sagt: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt" (Mt 7,21). Es hängt auch von uns ab. Die am Berg Sinai geoffenbarten Gebote Gottes werden durch Christus nicht außer Kraft gesetzt. Wir müssen sie halten nach dem Wort des Herrn: "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten" (Joh 14,15).
Nicht um aufzuheben, sondern um zu erfüllen

Jesus lehrt nachdrücklich: "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen" (Mt 5,17). Die Gebote haben keineswegs ihre Bedeutung verloren.

Als Frucht der Erlösung brauchen wir angesichts unserer Schwierigkeiten und Verfehlungen nie zu verzweifeln. Denn wir wissen, dass wir - sobald wir unsere Schuld einsehen und bekennen - Vergebung erlangen können. Gerade darin besteht die Frohbotschaft, die uns Christus gebracht hat.

"Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und die Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben" (Kol 2,14). Die Gebote haben durch Christus einen neuen Stellenwert bekommen. Auch Er hat das alttestamentliche Gebot der Gottes- und Nächstenliebe als das wichtigste erklärt. Er fordert aber sogar eine noch weit größere Gerechtigkeit, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, indem er seinen Jüngern die Anweisung erteilt: "Ein neues Gebot gebe ich euch: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12). Bei ihm geht es nicht um die möglichst genaue Einhaltung äußerlicher Vorschriften, um sich dadurch zu rechtfertigen, sondern um die Liebe, mit der in allem Gottes Willen gesucht und erfüllt wird.

Das "neue Herz" und den "neuen Geist" empfangen wir durch die Vereinigung mit Christus. "Wer in mir bleibt und in dem ich bleibe, der bringt reiche Frucht" (Joh 15,5). Diese Vereinigung mit Ihm prägt ein ganzes Leben in allen seinen Bereichen und mit vielen Konsequenzen. Das beginnt beim kleinsten Gedanken und schließt die Forderung der Feindesliebe mit ein bis hin zur Wehrlosigkeit und Hingabe des Lebens, nach Christi eigenem Vorbild. Aber sein Joch ist nicht drückend und seine Last ist leicht.
Durch Christus eröffnet sich der Weg zur Freiheit. Die christliche Berufung zündet ein Licht an, das die wahre Bedeutung des Lebens erkennen lässt und jene große Liebe weckt, die bei Christus die freiwillige Hingabe des Lebens zur Rettung aller Menschen bewirkt und die bei allen, die Ihm nachfolgen, die gleiche Bereitschaft hervorruft. Diese Liebe lässt auch bewusst, mit ganzem Herzen und allen Kräften die Gebote Gottes und alle Weisungen, die wir von Ihm empfangen haben, ergreifen. "Darum liebe ich deine Gebote mehr als Rotgold und Weißgold" (Ps 119,127), heißt es schon im Psalm. Das widerspricht nicht dem Wort des hl. Augustinus: "Liebe, dann tue, was du willst", sondern bestätigt es.
Von Christus werden wir außerdem ermutigt und befähigt, den Weg der Liebe, den er uns gezeigt hat, einzuschlagen und durchzuhalten. "Ich werde euch nicht als Waisenkinder zurücklassen" (Joh 14,18), verspricht Jesus seinen Jüngern und vor der Himmelfahrt sagt er zu ihnen: "Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Mt 28,20). Wir können Ihn, der die Sünde überwunden und den Tod besiegt hat, empfangen und mit Ihm eins sein. sodass das Wort wahr wird: "Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?" (Röm 8,31). Er macht also frei, indem er den Weg zeigt, - die Wahrheit wird euch frei machen -, die Fesseln der Sünde sprengt und LEBEN -ewiges Leben- spendet. Es ist die Freiheit der Kinder Gottes, die uns seit der Taufe geschenkt und durch den regelmäßigen Empfang der Sakramente erneuert wird. Sie besteht darin, dass Christi Geist in uns lebt und ruft: "Abba, Vater!" (Röm 8,15). Wenn wir uns Jesu Geist im Glauben öffnen, kann sich durch ihn die schöpferische Liebe des Vaters fortsetzen. Seine bedingungslose Liebe hebt allen Zwang auf. Und gerade dadurch wird der Mensch dazu befreit, ganz bewusst und aus Liebe die Gebote zu halten.


Das geöffnete Herz Christi ist die größte Offenbarung: Es zeigt uns, bis zu welchem Maße Gott uns liebt und zu welcher Liebe Gott ein menschliches Herz befähigt. Aus diesem Herzen strömen Blut und Wasser, Leben und Gnade hervor. Es ist die Quelle, die uns neu macht und uns, verbunden mit einer bleibenden Fruchtbarkeit, den wahren Frieden vermittelt.

Mögen diese Gedanken ein kleiner Beitrag dazu sein, auch in unserer Zeit den Weg zum Glauben zu entdecken.

+ Klaus Küng