Geistlicher Rundbrief Nr.: 3/1991

Sonntag

Liebe Mitchristen!

Auch der Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe befasst sich ausführlich mit der Notwendigkeit einer neuen gemeinsamen Sonntagskultur. Folgender Ausschnitt führt uns mitten in die Aufgabenstellung hinein: "Immer mehr Menschen suchen heute nach einer neuen Sonntagskultur. Die gesellschaftliche Bedeutung liegt in der gemeinsamen Unterbrechung der Arbeit, die im Bewusstsein gründet, dass der Mensch nicht nur für die Arbeit da ist, sondern Anbetung, Freude, Spiel, Feste und Gemeinschaft wesentlich sind. Zweifellos bedarf es dazu auch der schützenden Hilfe des Staates. Sie reicht aber bei weitem nicht aus. Vor allem dort nicht, wo es um das persönliche Verhalten der Menschen und um die Verantwortung der gesellschaftlichen Kräfte geht. Eine neue Sonntagskultur braucht einen breiten Konsens in der Bevölkerung. Ein solcher kann nur durch die Mitverantwortung vieler gesellschaftlicher Kräfte aufgebaut werden: von den Familien, Pfarren, Ortsgemeinden, von den Verbänden und freien Vereinigungen bis hin zu den Sozialpartnern. Die Bewahrung des Sonntags wird letztlich davon abhängen, ob es gelingt, ihn mit neuer Wertschätzung, Sinn- und Wert-Erfahrung und religiösem Inhalt zu erfüllen. Hier weiß sich die Kirche unmittelbar verpflichtet!" (119).

Erst wenn wir dem religiösen Inhalt des Sonntags nachgehen, begegnen wir dem, was eigentlich für uns Christen den Sonntag zu jenem großen Geschenk macht, das Gott als belebende Kraft für uns bereithält.

Die religiösen Wurzeln des Sonntags

In einem jahrhundertelangen Klärungs- und Reifungsprozess hat sich eine Art Synthese zwischen dem jüdischen Sabbat und dem christlichen Sonntag vollzogen. Das Sabbatgebot galt den Israeliten als Band der Einheit zwischen Gott und seinem Volk. Es war mit vielen Vorschriften verbunden, deren treue Einhaltung eine Antwort auf die Liebe Jahwes sein sollte. Im Buch Genesis finden wir eine der Begründungen des Sabbatgebotes: "So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge. Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte" (Gen 2,15).

Der Sabbat ist der siebte Tag der Schöpfung, an dem der Mensch innehalten soll. Der Auftrag, zu arbeiten und sich die Erde untertan zu machen, ist eine Gabe Gottes, der den Menschen zu seinem Mitarbeiter gemacht hat. Durch das Sabbatgebot erinnert uns Gott ständig daran: "Ihr dürft meine Schöpfung verwalten. Aber alles ruht in meiner Hand. Vertraut mir, orientiert euch an mir. Mein Wort soll euch Maßstab sein". - Demgemäß ist der Sabbat als Kulttag gedacht, an dem der Mensch durch Gottesdienst und Beschäftigung mit dem Wort Gottes seinem Schöpfer die Ehre gibt. Der Mensch darf am Sabbat ausruhen. Im Wissen, dass Gott ihn liebt, darf er einfach vor seinem Schöpfer da sein, ohne etwas leisten zu müssen. Denn Gott, nicht der Mensch, trägt und erhält das Leben. So entspricht es dem Plan des Schöpfers. Darum beeinträchtigt die Missachtung des Sabbatgebotes das Wohlergehen.
"Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen" (Ex 23,12). Die uns im Sabbat geschenkte Ruhezeit ist ein notwendiger Schutz für die gesamte Lebenswelt.

Gott möchte, dass wir ihm in seiner Schöpfung dienen. Aber er will nicht, dass wir uns als geknechtete Wesen verstehen, sondern als seine geliebten Kinder, die an seiner Freiheit und Würde teilhaben. Die Einhaltung des Sabbats lässt die Menschen in dieses Selbstverständnis hineinwachsen. Die Heiligung des Sabbats bedeutet nämlich auch eine Einübung in die Freude und Würde der Gotteskindschaft. Jesus hat sich gegen eine zwanghafte Art und Weise, die Sabbatvorschriften einzuhalten, gewendet, weil sie eine Entartung des Sinnes darstellen. "Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27f). Mit dem Wunsch Gottes, die Menschen mögen frei sein, hat auch das Sabbatjahr seinen Zusammenhang. Jedes 7. Jahr soll ein Ruhejahr sein für den Boden Israels. In diesem Jahr werden auch die Besitzverhältnisse neu geordnet, Schulden nachgelassen.

"Du hast uns auf dich hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir", betete der hl. Augustinus. Im Abstehen von dem, was uns die ganze Woche hindurch mehr oder weniger in Beschlag nimmt, dürfen wir uns neu ausrichten auf den Ursprung und Sinn unseres Lebens. In der Zeit vor der Ankunft Christi war besonders der Sabbat ein Tag hoffnungsvoller Erwartung, an dem das Volk Gottes nach dem Messias Ausschau hielt.

Jesus hat den Sabbat grundsätzlich gehalten. Auch er ging am Sabbat in die Synagoge. Dort begann er auch seine öffentliche Sendung mit den Worten: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist,... damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe..." (Jes 61,1f). Mit Jesus Christus ist der Tag gekommen, an dem Israel - und mit ihm die ganze Menschheit - für immer begnadigt wird und im Land der Ruhe wohnen darf. Mit Jesus ist ein Sabbatjahr angebrochen, das kein Ende kennt. Er bringt die umfassende und endgültige Befreiung, für die der Sabbat des alten Bundes eine Vorbereitung war.
Die Hingabe seines Lebens erwirkt uns den Geist, der uns von innen her befähigt, das Sabbatgebot und die anderen Gebote zu halten. So hat durch Christus der Sabbat eine neue, überhöhte Bedeutung bekommen. In diesem Sinn erklärt sich Jesus als " Herr über den Sabbat" (Mk 2,27f).

Vom Sabbat zum Sonntag

Auch die junge Kirche brachte dem Sabbat tiefe Achtung entgegen. Die ersten Christen hielten zunächst weiterhin den Sabbat, obwohl sie sich von Anfang an am Sonntag, bzw. am Vorabend desselben in den Häusern zum Brotbrechen, zur Eucharistiefeier versammelten. Erst mit der Zeit wurden sabbatähnliche Gebräuche auf den Sonntag verlegt, so dass sich im Sonntag Elemente des Sabbats und das Fest der Auferstehung vereinigten.

Der alte Ausdruck Herrentag leitet sich vom Wort "DOMINICUS" ab. Unter den vielen Übersetzungsmöglichkeiten kommt seinem Sinn diese hier am nächsten: "Was des Herrn ist".

Während der Christenverfolgung war es den Christen lange Zeit verboten, sich zur sonntäglichen Eucharistiefeier zu versammeln. Die Römer hatten gut erkannt, dass gerade im Sonntag, in der Feier des Brotbrechens, die Kraft der Christen liegt. Darum sanktionierten sie diese Zusammenkünfte mit den härtesten Strafen. In den Verhören liest man, wie sich die Christen rechtfertigten. Darüber befragt, warum sie trotz allem an ihren Versammlungen festhielten, hieß es unter anderem einmal: "Quoniam sine dominico non possumus" - ohne den Herrentag können wir nicht (sein)".

Man spürt aus dieser Antwort, wie für diese Menschen das sonntägliche Brotbrechen die Mitte bedeutet, aus der sie leben. Solche lebendige Beziehung zum Sonntag ist in unserer Gesellschaft, die sich zwar "christlich" nennt, selten anzutreffen. Auch der Brauch, am Sonntag traditionsgemäß zur Kirche zu gehen, befindet sich in Auflösung. Es gibt aber auch den Aufbruch von Christen, die den Sonntag heute in neuer Frische entdecken und daraus leben. Wo das der Fall ist, lebt christlicher Glaube neu auf.

Sabbat und Neuer Bund

Von den Juden könnten wir an Hingabe und Sorgfalt lernen, wenn wir sehen, mit welcher Sorgfalt und Treue sie bis auf den heutigen Tag die Gebräuche des Sabbats pflegen und ihn als Geschenk, wie eine Person empfangen. Um wie viel mehr noch ist die Liebe jener verfolgten Christen zu verstehen, die lieber in den Tod gingen, als auf die sonntägliche Eucharistiefeier zu verzichten. Denn die Gemeinschaft mit Gott, die die Menschen im alten Bund feierten, wird uns in Jesus Christus noch unvergleichlich inniger angeboten. Der am dritten Tag vom Tod erstandene Herr lädt uns in der sonntäglichen Eucharistiefeier (nicht nur am Sonntag, sondern in jeder hl. Messe!) ein, seinen Bund mit uns zu feiern. Darum kam es bei den Christen zur Ablösung des Sabbats durch den Sonntag.

In Christus ist das Alte vergangen, die Schöpfung dem Tod entrissen und alles Leben erneuert. In IHM sind wir als Getaufte eine neue Schöpfung (vgl. 2 Kor 5,17) und können es durch die Vergebung im Bußsakrament immer wieder werden. So dürfen wir in der Freiheit leben, zu der uns Christus befreit hat (vgl. Gal 5,1) und in der Würde der Gotteskindschaft. Christus schenkt uns Ruhe. "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe verschaffen" (Mt 11,28). Im Glauben an den Auferstandenen, der den Tod überwunden hat und uns im Himmel einen Platz bereitet hat, wird der Hunger des Menschen nach Sinn, Ursprung und Ziel unseres Lebens gestillt.
"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich." (Joh 14,6). "Christus ist der Urheber des ewigen Heils" (Hebr 5,9). Er schenkt ein nie endendes Sabbatjahr und führt uns "ins Land der Ruhe" (dies gehörte zur endzeitlichen Erwartung Israels).

Leben in Fülle durch den eucharistischen Herrn

Was am ersten Schöpfungstag, an dem Gott das Licht schuf, begann, hat im auferstandenen Christus, dem Licht der Welt, seine Erfüllung gefunden. "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Aus dieser Fülle empfängt sein Leib, die Kirche, unaufhörlich Ströme der Gnade. Durch sie will der Erlöser sein Werk weiterführen. In jeder Eucharistiefeier wird sein Opfer wirksam. Was seine Glieder an Hingabe und Gebet auf den Altar legen, wird zusammen mit dem Brot und dem Wein in Leib und Blut Christi verwandelt, in neues Leben, in Segen für die Welt. "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit". Das zu feiern, ist der Auftrag der Kirche, durch die der erhöhte Herr alles an sich ziehen will (vgl Joh 12,32). In jeder Kommunion dürfen wir ganz eins werden mit IHM, der uns nähren und stärken will mit dem Leben seiner Liebe. So können wir ihm ähnlich werden und den Menschen, mit denen wir zu tun haben, zu denen er uns sendet, so wohltuend und befreiend begegnen, wie er selber es tun möchte.

Zu den Menschen gesandt: Messe - Missio

Mutter Teresa aus Kalkutta berichtet, was die Verbindung mit dem Herrn in der Eucharistie für sie und ihre Schwestern bedeutet: "Um dieses Leben durchführen zu können, ist das Leben jeder Missionarin der Liebe eng verbunden mit der heiligen Eucharistie. In der heiligen Eucharistie sehen wir Christus in der Gestalt des Brotes, in den Armen sehen wir Christus in der Verkleidung der Armen. Die heilige Eucharistie und die Armen sind eine Liebe. Um fähig zu sein, etwas zu tun, zu sehen und zu lieben, brauchen wir die Verbindung mit Christus, diese tiefe Liebe und das Gebet. So beginnen die Schwestern ihren Tag mit der heiligen Messe, heiligen Kommunion und den Meditationen. Und innerhalb des Tages haben wir eine Stunde der Anbetung. Diese Verbindung zur heiligen Eucharistie ist unsere Stärke, unsere Freude, unsere Liebe."

Mutter Teresa lebt mit ihrer Gemeinschaft eine Intensivform dessen, was eigentlich die Berufung jedes Getauften ist. Um die innige Lebensgemeinschaft mit Christus, durch die es erst möglich wird, die christliche Berufung wirksam zu leben, geht es letztlich im Sonntagsgebot. Es ist sehr wertvoll, wenn Christen täglich die hl. Messe mitfeiern. Aber am Sonntag, am Tag der Auferstehung Christi, ist dies unabdingbar, damit unser Christsein nicht versandet.
Erinnern wir uns an das: "SINE DOMINICO NON POSSUMUS". Ohne den Herrentag können wir nichts. Das ist einfach die Entsprechung auf das Wort Jesu: "Ohne mich könnt ihr nichts tun. Bleibt in meiner Liebe." (Joh 15,5). Wir tun es, wenn wir ihn regelmäßig empfangen im Heiligen Mahl. "Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in Ihm" (Joh 6,56). Denn wir sind berufen, ein Leib und ein Geist in Christus zu sein. Nur durch diese sakramentale Verbundenheit werden wir jene Kirche sein, die er meint und in der er am Werk ist.

Nachdem Judas aus der Schar der Zwölf "ausgefallen" war, sagten die Jünger: "Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein." (Apg 1,21). Wie dringend brauchen wir auch heute Menschen, die aus der Begegnung mit dem Herrn alle Resignation und Verzagtheit zurücklassen und Zeugnis geben vom lebendigen Christus, der Licht schenkt, der Kraft zum Helfen gibt, für den aber auch keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod, ein Hindernis darstellt, uns ewiges Leben in der liebenden Gemeinschaft mit Gott zu schenken.

Die Neuentdeckung des Sonntags, verbunden mit dem Geheimnis der Eucharistie, ist ein notwendiger, hoffnungsvoller Weg, auf dem die Kirche ihren Auftrag, Werkzeug der Befreiung und Licht für die Welt zu sein, besser erfüllen wird.
Jesus sagt: "Meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt" (Joh 14,27). Die Belebung des Sonntags wird fruchtbar, wenn wir nicht nur die rein humanitären Gründe erwägen, sondern wenn sich jeder Christ ganz persönlich zur Quelle des tiefsten Friedens, der tiefsten Erholung begibt - zum leibhaft im Hl. Brot gegenwärtigen Christus. Es ergeht uns wie den Frauen, die am leeren Grab "als eben die Sonne aufging" (vgl Mk 16,2f), von der Auferstehung erfahren.

Die orthodoxe Kirche singt am Ostersonntag: "Eilen lasst uns, Lichter traget, Christus entgegen, der wie ein Bräutigam aus dem Grabe hervorgeht."

Den auferstandenen Christus bezeugen, der einer von Materialismus und Konsumzwang gehetzten, von Süchten und Sinnlosigkeit gequälten, und von Hunger und Obdachlosigkeit heimgesuchten Welt sein Leben mitteilen will, das wird am wirksamsten möglich, wo Christen laufend ihr Licht entzünden an dem Osterfeuer, das in der Eucharistie für uns brennt.
 

+ Klaus Küng