Geistlicher Rundbrief Nr.: 6/1991

Advent - Gebet um den Frieden

Liebe Mitchristen!

Viele Gegebenheiten in der Welt, besonders in unserer unmittelbaren Umgebung und in unserem eigenen Leben lassen uns die liturgische Zeit des Advent als besonders wichtig, anregend und kostbar erkennen.

Vor wenigen Tagen erhielt ich von einer Frau aus einer anderen Diözese einen dringenden Anruf mit dem Wunsch: "Sollten wir uns nicht in ganz Österreich zu einem Sturmgebet vereinen? Könnten Sie mit Ihrer Diözese nicht allen anderen vorangehen?" Sie war gerade von einer Fahrt mit einem Hilfszug von Kroation zurückgekehrt und von der Begegnung mit verängstigten,
bedrückten Menschen zutiefst beeindruckt. - Jemand anderer kam mit der Sorge: "Nehmen Sie doch Ihren Einfluss wahr!" - "Welchen Einfluss?", fragte ich nicht wenig verblüfft zurück. "Mobilisieren Sie die Gläubigen!", folgte prompt die erbetene Erklärung.

"Was können wir tun?" Einige meiner Mitbrüder meinten: Die Friedensgebete, die beim Golfkrieg begonnen wurden, erneuern und fortsetzen, allerdings das Tun darf nicht fehlen. Wir kamen zu dem Schluss, alle sollten wir die Herbergssuche vor Augen haben, für Aufrufe der Caritas hellhörig sein und in der Weihnacht unsere Geschenke teilen oder zugunsten der Bedrängten ganz auf sie verzichten. Es wurde noch hinzugefügt, es wäre zu billig, einfach nur einen konkreten Tag für dieses Gebetsanliegen oder eine bestimmte Aktion festzulegen; viel mehr ist erforderlich.

Vom Schlaf aufstehen

Der hl.Paulus schreibt den Römern: "Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf" (Röm 13,11). - "Wie kommt es?" - fragte mich jemand vor einigen Wochen-, -" dass wir angesichts dieses Krieges in Jugoslawien so ruhig sind? Ist es nicht so, dass viele die Nachrichten mehr oder weniger aufmerksam verfolgen, aber im Grunde genommen nur wenig davon berührt sind?"

Ob uns der Herr nicht genau das sagen will: Wir sollen aus dem Schlaf aufwachen? Es gibt ja auch genügend Vorgänge in unserer unmittelbaren Umgebung und wohl immer auch in unserem eigenen Leben, die uns sehr nachdenklich stimmen müssen. Vor wenigen Tagen erzählte mir jemand in einem Brief, dass in seinem engsten Bekanntenkreis zwei Mädchen im Alter von 17 einhalb und 19 Jahren
heroinabhängig und in die Beschaffungskriminalität (Prostitution) verfallen seien. Die Eltern, Verwandten und Bekannten sind verzweifelt. - Wie kommt es, dass wir angesichts der Krise in unserer Umgebung, in Familien oder bei Einzelpersonen so ruhig bzw. zuerst vielleicht eine Zeitlang tief erschüttert sind, aber dann bald zur gewohnten Tagesordnung zurückkehren?

Ich möchte nicht zuviel schwarze Tinte auftragen, aber es hat keinen Sinn, über die schweren Krankheitssymptome unserer Gesellschaft hinwegzutäuschen. Es hat auch keinen Sinn, Schuldzuweisungen durchzuführen und zu sagen: Die Jugend ist selber schuld, was sicher nicht wahr ist, oder die Eltern sind schuld, die Lehrer oder die Gesellschaft. - Aber ist es nicht wirklich höchste Zeit, vom Schlafe aufzustehen?

Es gibt Gründe zur Hoffnung

Als Christen haben wir auf jeden Fall Grund zur Hoffnung. Der hl. Paulus fügt seiner Aufforderung, vom Schlafe aufzustehen, die Worte an: "Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden" (Röm 13,11).

In der Tat scheint mir im Hinblick auf die Not in Kroatien, in der Welt, wie auch bei uns mitten im Wohlstand der pastorale Gedanke, dem Einzelnen bzw. den Gemeinschaften besonders die eucharistische Anbetung anzuempfehlen, in keiner Weise einfältig, sondern sehr naheliegend. Die Kirche glaubt fest daran, dass in der Heiligen Messe Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn verwandelt werden und dass nach dieser heiligen Wandlung unter den Gestalten von Brot und Wein Christus, zwar sehr geheimnisvoll und verborgen, aber dennoch wirklich, wahrhaft und wesenhaft als wahrer Gott und wahrer Mensch gegenwärtig ist.

Aller Augen schauen auf Dich

Eucharistische Anbetung bedeutet daher sich dem lebendigen Christus zuwenden und den Glauben an seine reale Gegenwart erwecken; sie bedeutet erkennen, dass wir nicht allein sind, weil er wahrhaft Emmanuel, d.h. Gott mit uns, ist.

Man sagt, dass Not ein guter Lehrmeister sei. Ob es nicht notwendig ist, dass wir unsere Ohnmacht erleben? Wir sagen dann, dass wir in dieser oder jener Angelegenheit nichts tun, sondern "nur" beten können. Gerade das aber ist heilsam. "Wirf deine Sorge auf den Herrn", heißt es im Psalm. Die eucharistische Anbetung ist eine konkrete Kanalisierung unseres Bedürfnisses, die Sorgen auf den Herrn zu werfen. - "Du bist der Sohn des lebendigen Gottes" (Mt 16,16), bekennt Petrus im Heiligen Geist. Im gleichen Heiligen Geist können und sollen auch wir bei der Anbetung bekennen, dass Christus der aus Maria geborene, Mensch gewordene Sohn Gottes ist. So eröffnen sich Wege der Hoffnung, denn "Du bist mein Licht und mein Heil" (Ps 27,1). - Es eröffnen sich aber auch andere, neue Horizonte.

Er spricht uns an

"Aber eine Aufforderung zum Gebet ist zuwenig, wir müssen auch etwas Tun...?"
Es muss uns bewusst sein: Ein Gebet, das nicht zum Tun führt, ist
nicht echt. Die große Beterin Theresia von Avila schreibt: "Was nützt es uns, wenn wir vor Gott große Feste feiern, aber unseren Nächsten nicht lieben."

Als der Golfkrieg ausbrach, organisierte eine mutige Frau in einer Gemeinde, die in den letzten Jahren sehr zerspalten war, ein gemeinsames Friedensgebet in der Kirche und lud bewusst und ganz offen auch jene zum gemeinsamen Gebet ein, die leider gewöhnlich nicht mehr miteinander redeten. Sie sagte zu ihnen: "Wenn ihr ehrlich um den Frieden beten wollt, dann müsst ihr auch um Frieden bemüht sein". - Dieses Gebet bedeutete nicht nur eine neue Hoffnung für die Bedrängten in den Kriegszonen, sondern auch einen neuen Anfang im Dorf.

Wahres Gebet schließt immer die Haltung des Samuel ein, der von Eli, dem erfahrenen Priester, gelernt hat zu sagen: "Rede Herr, dein Diener hört." Wir müssen, wenn wir Ihn aufrichtig suchen und anbeten, auf Sein Wort hinhören, und daran denken, dass Er sicher jede einzelne und jeden einzelnen von uns persönlich anspricht: Unser Gebet um den Frieden wäre nicht echt, wenn wir nicht selbst in unserem eigenen Umfeld - in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Kirche (!) oder in der Gemeinde - um Frieden bestrebt sind, und es wäre pharisäisch, wenn wir nicht tatkräftig bemüht sind, die Not jener so gut wir können zu mildern, für die wir in unserem Gebeten bitten. Wahres Gebet mobilisiert unsere guten Anlagen, führt zur Umkehr und neuer Bemühung, weil es unseren Glauben stärkt, auf Gott und seine Gebote schauen lässt und unsere Liebe weckt. Gleichzeitig lässt es uns erkennen, dass uns Gott, der uns seinen Sohn gesandt hat, in allen unseren Anstrengungen beisteht, und so sind wir trotz aller persönlicher Schwachheit und aller Schwierigkeiten guter Hoffnung und strengen uns gestützt auf seine Hilfe oft von neuem an.

Eucharistische Anbetung richtet außerdem unseren Blick auf die unbegreifliche Hingabe Christi, der in seiner Liebe zu uns soweit gegangen ist, dass Er nicht nur sein Blut vergossen und sein Leben für uns verschenkt hat, sondern sich in der Verborgenheit der heiligen Hostie uns ausliefert und für uns da ist. Es ist verständlich, dass oft im gesammelten Gebet vor dem Allerheiligsten in so manchen Herzen eine gute Unruhe geweckt wird.

Ein Vorsatz für Advent

Ein einzelner Gebetstag oder einzelne Aktionen für den Frieden sind wünschenswert, aber doch viel zu wenig. Wir müssen beharrlich beten. Das Gebet für den Frieden lässt sich mit einer wahren Adventgesinnung gut verbinden. Wie wäre es mit einem konkreten Vorsatz? Z.B.: jeden Tag eine gewisse Zeit dem Gebet widmen, in der Heiligen Schrift lesen und auf Ihn hören; die Roratemesse besuchen oder den Rosenkranz verrichten mit einem großen Verlangen im Herzen: "Komm Herr Jesus!".

Dieses Beten wird uns ganz gewiss dazu führen, unseren Schwestern und Brüdern in Not großherzig beistehen. Wir werden auch Impulse empfangen, Hügel abzubauen und Täler einzuebnen (vgl Mk1,3) in unseren Familien und unserer Umgebung, aber auch in unserem eigenen persönlichen Leben in dem Sinn, dass wir unsere Fehler abbauen und um die richtigen Haltungen bemüht sind. Den Advent gut leben, sollte für uns bedeuten, dass wir in dieser Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest jeden Tag in einigen Punkten unseres Strebens nach einem besseren Christsein konkret bemüht sind

"Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt als neues Gewand den Herrn Jesus an" (Röm 13,12-14).

In der Hoffnung auf einen wahren Weihnachtsfrieden wünscht einen gesegneten Advent


Feldkirch, im Advent 1991

+ Klaus Küng