Geistlicher Rundbrief Nr.: 1/1992

 

Ehe und Familie in Gemeinschaft mit Gott Not-wendend für heute


Liebe Mitchristen!

„Familie, werde, was du bist!“ - so lautet ein Zwischentitel im apostolischen Rundschreiben Johannes Pauls II. über die Familie. Es ist eines der wichtigsten Anliegen unserer Zeit. Das Wohl des einzelnen ist im hohen Maß mit dem Gelingen oder Nichtgelingen der Familie verknüpft; viele, sehr schwerwiegende Probleme unserer Gesellschaft stehen mit der Situation der Familie in einer engen Beziehung, auch die Zukunft der Kirche ist weitgehend davon abhängig, ob der Glaube an Christus in der Familie bewahrt bzw. geweckt wird.

Heute werden einerseits die Entwicklung und Aufgaben der christlichen Familie erschwert. Das ist durch viele Faktoren bedingt: Unter anderem durch den modernen Lebensstil, durch die Dynamik einer von Technik- und Wirtschaftsdenken beherrschten Welt, vor allem aber durch die Vielfalt der Einflüsse, die im gesamten öffentlichen Leben, in den Medien, auf dem Unterhaltungssektor, bereits im Kindergarten und natürlich auch in der Schule präsent sind. Andererseits wird in Zukunft gerade der Familie insbesondere für die Glaubens- und Wertevermittlung eine wenn möglich noch größere Bedeutung als bisher zukommen.

Glaube und Familie stehen in enger Wechselbeziehung

Heute beklagen viele Religionslehrer und Seelsorger, dass eine große Schwierigkeit für die religiöse Unterweisung in der religiösen Entfremdung der Familien liege. Es fehle vielen Kindern an jeder religiösen Grundlage von der Familie her, was durch keinen noch so guten Religionsunterricht wettgemacht werden könne. Außerdem fehle das Vorbild und die Mithilfe der Eltern. Wie soll von einem Kind der Gottesdienstbesuch erwartet werden, wenn Vater und Mutter nicht mitgehen und das Sonntagsprogramm der Familie einem Messbesuch nicht einmal Raum gibt? Abgesehen davon ist der Gottesdienstbesuch nur ein Symptom für die religiöse Einstellung. Nicht nur in Bezug auf die äußere Teilnahme am kirchlichen Leben brauchen die Kinder das Beispiel und den Rückhalt des Elternhauses.

Andererseits dürfen wir die positive Kehrseite des gleichen Zusammenhanges zwischen Glaube und Familie nicht außer acht lassen. Dort, wo Glaube an Christus aufbricht, begegnet man auch heute fröhlichen und optimistischen Familien, die Kinder bejahen, die Freizeit oft gemeinsam verbringen, miteinander beten, Sonn- und Feiertage zusammen gestalten, über den Glauben miteinander reden und eine erfrischende Ausstrahlungskraft besitzen. Es ist mir ein Bedürfnis, solche christliche Familien und andere, die es werden möchten, zu ermuntern. Es ist sehr wichtig, alle Mittel einzusetzen, um eine solche Familie zu werden und zu bleiben.

Die Entfremdung von Gott ist eine große Gefahr für die Familie

Ohne bewusste, lebendige Beziehung zu Gott ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die Liebe, welche die Grundlage für das Glück in der Familie darstellt, sehr bald erkaltet, bzw. nie richtig zur Entfaltung gelangt. Mir scheint dies heute der wichtigste Grund für die Krise der Familie zu sein.

Wer darüber nachdenkt, warum sich gelebter oder nicht gelebter Glaube so stark auf die Familie auswirkt, der kann erkennen: Gott, dessen Wesen die Liebe ist (vgl 1 Joh 4,8), hat uns nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen (vgl Gen 1,26 f). Das hat Paul VI. in der leider viel geschmähten Enzyklika Humanae Vitae sehr schön dargelegt: „Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen: von Gott, der ‘Liebe ist’, von ihm, dem Vater, nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt.“ Der Papst fährt dann fort: „Weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, dass sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht.“

Durch die Beziehung zu Gott, insbesondere zu seinem Menschgewordenen Sohn, entdecken wir unser eigenes Wesen und das der anderen. Christus ist der Schlüssel, die Tür, durch die wir eintreten müssen. Wir erfahren vor allem im Umgang mit Christus, was Liebe ist, und welcher der Weg ist, den wir wählen müssen, um sie wirklich - auch menschlich - zu entfalten. Von Christus lernen wir, dass es keine größere Liebe gibt, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt (vgl Joh 15,13). Christus zeigt uns, dass Liebe Hingabe bedeutet (vgl Gal 2,20) und mit Großzügigkeit und Opferbereitschaft verknüpft ist (vgl Mt 16,24 f).

Vielleicht mag das manchen sehr allgemein und wenig lebensnah klingen. Dies kommt daher, dass wir an viele Worte der Frohbotschaft in einem schlechten Sinn gewöhnt sind und die Nachfolge Christi in unserem eigenen, alltäglichen Leben nicht realisieren. Wahres Christsein führt zu einem sehr konkreten Streben nach einem dem Glaubenswort entsprechenden Verhalten. Nur im Falle eines solchen Strebens wird die Erlösung, die Christus durch die Verkündigung der Wahrheit und durch die Hingabe seines Lebens vollzogen hat, an uns wirksam. Nur wenn wir aus dem Evangelium Konsequenzen ziehen und Christus nicht nur irgendwie im Verstand oder bloß gefühlsmäßig, sondern in unserem Leben aufnehmen, werden wir allmählich „befreiter“ und zu einer - auch menschlich - echteren, tieferen und beglückenderen Liebe fähig. Dagegen dort, wo der Glaube nicht praktiziert und im konkreten Verhalten umgesetzt wird, zeigt sich die unerlöste Welt, selbst wenn die Taufe und andere Sakramente empfangen und der Gottesdienst mehr oder weniger regelmäßig besucht werden. Es kann sich dann in der Regel keine wahre Liebe entfalten. Im Leben vieler Menschen gleicht die Liebe einer Knospe, die zwar der Anlage nach eine wunderbare Blüte und reife Frucht hervorbringen könnte; aber, kaum entstanden, verkümmert sie bald und stirbt ab.

Bei einer Entfremdung von Gott ist die Gefahr sehr groß, dass in unserem persönlichen Leben und damit auch im Leben der Familie - wie der hl. Augustinus es ausdrückt - der „Weltstaat“, in dem das „Ich“ mit seinen egoistischen Bestrebungen in ungeordneter Weise vorherrscht, sich immer stärker ausbreitet und den „Gottesstaat“, in dem Liebe regiert, bis zu seiner Vernichtung zurückdrängt. Der ungezügelte Egoismus führt den Menschen fast unvermeidbar in eine ausweglose Tragödie. Das zu sehr in sich selbst zentrierte Verlangen nach Glück und Freude, Zuneigung und Liebe lässt Mauern entstehen, die allmählich höher und dicker werden und eine zunehmende Isolierung mit sich bringen, weil sich der andere angesichts dieser immer stärker Besitzergreifenden und einengenden Haltung des Partners allmählich zurückzieht, sich zur Wehr setzt und Distanz sucht. Dies geschieht umso mehr, da die Forderungen immer heftiger und krampfhafter werden, nicht zuletzt aus der Erfahrung der wachsenden Zurückhaltung.

Ohne Christus ist es sehr schwer, nicht dem Egoismus zu verfallen und in die damit verbundene Dynamik des sich steigernden Schützengrabenkrieges zu geraten. Mit ihm aber ist es möglich, den Weg zu finden, den Egoismus allmählich zu besiegen und den Klippen der verschiedenen Schwierigkeiten zu entrinnen.

Nicht ohne Betroffenheit habe ich vor kurzem das Zeugnis des Vaters einer kinderreichen Familie nach zwölfjähriger Ehe gelesen. Er schreibt: „Obwohl meine Frau und ich, als wir uns kennen lernten, Mitglieder einer katholischen Vereinigung waren und unser Leben immer auf Gott ausgerichtet gewesen ist, müssen wir bekennen, dass wir aus dem stationären Zustand, in welchem wir uns seit unserer Heirat befanden, erst dann herausgekommen sind, als jeder von uns Besinnungstage gemacht und einen geistlichen Ratgeber sowie die übernatürlichen Mittel gefunden hat, durch die wir nach und nach gelernt haben, Gott in unserem Familienleben und in unserer Arbeit zu finden.“ Er erzählt dann mit großer Offenheit, dass das einzige Hindernis in ihrem Leben immer das Temperament gewesen sei. „Bei meiner Frau“ - stellt er fest - „vermischen sich phlegmatische und nervöse Wesenszüge mit gewissen sanguinischen Neigungen; ich dagegen bin ein nervös-cholerischer Verstandesmensch, und der erschwerende Umstand ist mein Hang zu einer geradezu zermürbenden Pedanterie.“ Er fügt hinzu: „Das Gemisch ist - unter Berücksichtigung der Eigenliebe auf beiden Seiten - ausgesprochen explosiv.“ Dazu komme noch - erklärt er weiter -, dass sie sich für die Wissenschaft begeistere, gerne reise und romantisch gestimmt sei, er dagegen gerne zuhause bleibe, Literatur liebe und an einem unerträglichen, pessimistischen Realismus leide. Er kommt schließlich zur Folgerung: „Alles in allem, wir hätten uns, gäbe es nicht noch anderes, nach sechs Monaten scheiden lassen.“ Er gesteht, dass er mehr als einmal, nach uferlosen Diskussionen, bei denen seine Frau immer dieselben Anklagen wiederholte, daran gedacht habe, das Haus zu verlassen und nie mehr wiederzukommen. Er habe dann, sobald er sich beruhigt habe, Gott um seine Gnade gebeten und auf das Konto des Sakramentes der Ehe einen Scheck ausgestellt, der immer eingelöst worden sei. Wieder zuhause, manchmal sogar unmittelbar im Anschluss an diese Bitte an Gott, hätten sie Frieden geschlossen und alles sei wieder normal gewesen. Allerdings hätten sich diese Konflikte zeitweise mehrmals am Tag wiederholt.

Er berichtet, dass dieses Thema lange Zeit hindurch der zentrale Punkt seiner persönlichen Gewissenserforschung, häufigster Gegenstand des Gebetes, auch der Beichte war. Durch die geistliche Begleitung, durch den Empfang geeigneter Orientierung, vor allem durch Zuflucht bei den Sakramenten sei die Zahl der Auseinandersetzungen allmählich zurückgegangen, nach einiger Zeit sei die Frage nicht mehr gewesen, wie oft pro Tag, sondern wie oft pro Woche, später wie oft pro Monat es zu einem Zwischenfall gekommen sei. Gleichzeitig habe ihre Liebe zugenommen und sie nehme weiter zu: „...heute haben wir Verständnis für unsere Fehler und verzeihen sie mit großer Leichtigkeit. Wenn der eine traurig ist, weil er sich schuldig fühlt, dann ermuntert ihn der andere sogar und tröstet ihn.“

Außerdem fügt er noch einen weiteren wichtigen Punkt hinzu: „Wir hatten ein gemeinsames Laster, das darin bestand, dem anderen die Schuld für jedes Missgeschick zuzuschieben. Das bewirkte den Unmut des Beschuldigten und erzeugte einen weiteren Konflikt. Wenn das heute passiert, dann nimmt der andere, statt sich zu ärgern, dies nicht ernst, und es passiert weiter nichts.“ Er faßt seinen Bericht mit der Feststellung zusammen: „Das sind die Ergebnisse der persönlichen Gewissenserforschung und des täglichen Gebetes. Nur wir selber, die wir das ganze Gewicht dieser Situation erlebt haben, wissen, wie tief diese Empörungen gewesen sind, können den Wert der geistlichen Hilfe in diesem Bereich ermessen.“ Er fügt dann noch die Frage hinzu: „Wie soll es bei solchen Schwierigkeiten ohne die sakramentale Gnade möglich sein, dass die Eheleute einander wirklich lieben, und dies in stets wachsendem Maß? Wie ist es möglich, jeden Groll vollkommen und von Grund auf zu vermeiden und nach zwölf Jahren Ehe wie in der Verlobungszeit zu leben, wenn nicht Gott dieses Wunder wirkt?“

Der Glaube an Christus - die große Chance für die Familie

Der Glaube an Christus ist eine große Chance für die Familie. Freilich ist das nur dann der Fall, wenn wir ihn tatsächlich ernsthaft suchen, auf sein Wort hören und uns auf seine Hilfe stützen. Dem Gebet im Sinne des persönlichen Gespräches mit ihm über unser Leben, unsere Schwierigkeiten, unsere Fehler und Zielsetzungen, der entsprechenden, konkreten Bemühung im Alltag und dem Empfang der Sakramente, d.h. dem Bußsakrament, in dem wir unsere Schuld bekennen, um Verzeihung bitten und nach der spezifischen Hilfe der sakramentalen Gnade verlangen, und dem Empfang der Eucharistie kommen eine große Bedeutung zu. Wenn wir seinen Weg - es ist der Weg der Liebe, auch unser Weg - erlernen und dort, wo unsere Beziehung zum anderen oder unser Herz selbst kranken, gesund werden sollen, muss ER in unserem Leben eingreifen durch sein lebenspendendes und richtungweisendes Wort, aber auch durch die Frucht der von ihm erwirkten Erlösung. Wir müssen freilich durch eine gezielte und beharrliche Bemühung mittun. Aber auf uns allein gestellt, ist es sehr schwer möglich, den Egoismus zu überwinden und sich aus der sich steigernden Reizung einer gegeneinander sich entwickelnden Allergie zu befreien.

Wir müssen bedenken, dass bei jedem Menschen, der lieben lernen will, ein Reifungs- und Wandlungsprozess nötig ist. Nochmals möchte ich auf das Zeugnis des bereits zitierten Familienvaters zurückgreifen. Er schreibt: „Man schließt die Ehe mit großen Erwartungen, man erhofft sich die Stillung des grenzenlosen Verlangens nach Glück, das uns alle beseelt, aber diese Hoffnung stützt sich fast immer auf die sexuelle Befriedigung, die Unabhängigkeit und Neuheit eines anderen Lebensstils und den Stolz, sich in einem neuen Wesen gleichsam fortbestehen zu sehen. Sobald diese Wünsche erfüllt sind, lässt die Enttäuschung nicht auf sich warten, und es kommt zu Reibereien. Denn die Liebe ist in den ersten Jahren der Ehe etwas Seltenes. Zuneigung gibt es natürlich, sogar in Hülle und Fülle. Er will sie für sich, und auch sie will ihn nicht anders als für sich. Das ist aber keine Liebe. Lieben bedeutet sich hingeben, das Glück des geliebten Wesens suchen - ohne egoistische Interessen, ja sogar zum Nachteil derselben. Und dergleichen findet sich, wenn wir ehrlich sind, bei jungen Ehepaaren nur selten. Die Liebe wird durch einen anstrengenden Kampf erworben, durch Verzichtleistungen und vor allem durch Gebet, denn schließlich und endlich ist es Gott, der in uns liebt, und die Ehe ist seine Sache.“

Paul VI. drückt das in Humanae Vitae sehr tiefgründig aus, wenn er schreibt: „An erster Stelle müssen wir sie als vollmenschliche Liebe sehen; d.h. als sinnhaft und geistig zugleich. Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: So werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung. Weiterhin ist es Liebe, die aufs Ganze geht, jene besondere Form personaler Freundschaft, in der die Gatten alles großherzig miteinander teilen, weder unberechtigte Vorbehalte machen noch ihren eigenen Vorteil suchen. Wer seinen Gatten wirklich liebt, liebt ihn um seiner selbst willen, nicht nur der Dinge wegen, die er von ihm empfängt. Und es ist eine Freude, dass er durch seine Ganzhingabe bereichern darf. Die Liebe der Gatten ist zudem treu und ausschließlich bis zum Ende des Lebens...“ (HV 9).

Die alte Volksweisheit „wenn die Leute miteinander reden, kommen sie zusammen“ hat auch für Ehe und Familie ihre Gültigkeit.

Wir müssen miteinander reden. Das Gespräch ist sehr wichtig. Es ist notwendig, dass wir uns für dieses Gespräch Zeit nehmen, die nötigen Rahmenbedingungen dafür schaffen und Geduld füreinander aufbringen. Es ist unerlässlich, diesbezüglich die nötigen Mittel einzusetzen: Manchmal wird es unabdingbar sein, die beruflichen, gesellschaftlichen oder anderen Verpflichtungen zu reduzieren, um sich der Familie in größerem Ausmaße widmen zu können. Andere Male wird es angebracht sein, über die Art der Erholung nachzudenken, damit das Gespräch miteinander nicht zu kurz kommt. Der übermäßige Fernsehkonsum kann z.B. ein Hindernis bedeuten. In gewissen Situationen wird es sogar zum wichtigen Gebot der Stunde, in besonderer Weise nach Möglichkeiten zu suchen, um miteinander in Ruhe reden zu können, wenn mehrere oder komplizierte Fragen anstehen. Auch Konflikten darf man nicht ausweichen. Gerade darum darf einem Gespräch nicht aus dem Weg gegangen werden, wenn nur so die Klärung eines Konfliktes oder Missverständnisses möglich wird.
Jesus sollte dabei sein

Wenn wir im Gebet um Licht und Erkenntnis bitten und dabei Gott, uns selbst und den anderen gegenüber aufrichtig sind, werden wir den rechten Weg erkennen und jene Punkte entdecken, die für eine Verbesserung unserer Beziehung zu den anderen, unserer Liebe zueinander wichtig sind. Dafür ist einerseits das Gebet des einzelnen, d.h. das persönliche Hingehen zu Gott mit allen Fragen in der Stille des Gebetes unbedingt erforderlich. Auch wenn wir noch so viel Arbeit haben, sollten wir ausnahmslos täglich eine gewisse Zeit dieser Art des Betens widmen.

Andererseits gehören wenigstens einige gemeinsam gesprochene Gebete zum Leben jeder christlichen Familie - wie z.B. ein kurzes Morgengebet als Tagesbeginn oder das Gebet vor und nach den Mahlzeiten. - Fast überall in unserem Land laden die Glocken der Kirchen zum Gebet des Engels des Herrn ein. Wie schön wäre es, wenn auch heute von neuem die Verbundenheit der Christen untereinander durch Gott geweckt würde, weil sie diesen Aufruf zum Gebet wahrnehmen und ihm - soweit es die Umstände erlauben - gemeinsam oder wenigstens allein entsprechen. Der gemeinsame Gottesdienstbesuch gibt auch heute der Erholung und dem Zusammenhalt der christlichen Familie die Mitte und Grundlage. - Heute wird in nicht wenigen christlichen Familien die gemeinsame Lektüre der Bibel entdeckt, was das religiöse Gespräch und das gemeinsame Nachdenken über viele Fragen anregt. Nicht wenige kehren auch wieder zum Rosenkranzgebet zurück, weil es eine schlichte und doch sehr bereichernde Art ist, wie in Freud und Leid die Gemeinschaft untereinander und mit Gott gesucht wird.

Von den Emmausjüngern wird uns berichtet, dass sie IHN beim Brotbrechen erkannten. Der Empfang der Eucharistie ist die tiefstmögliche Besiegelung der Treue zueinander, die Bestärkung der Bemühungen in der Familie durch Christus selbst, der unter der Gestalt des Brotes wahrhaft gegenwärtig ist. Wir brauchen diese Erfahrung, dass Christus unter uns ist: Sie richtet unsere Liebe nach seinem Herzen aus und schenkt ihr Nahrung und Ansporn.

Die Vereinigung mit Christus durch die Kommunion ist allerdings nur dann fruchtbar, wenn wir innerlich für sie bereit und die nötigen Voraussetzungen gegeben sind. Deshalb schreibt der hl. Paulus den Korinthern: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und von dem Kelch trinken. Denn, wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11, 28-29). Regelmäßig und sooft es nötig ist, sollten wir daher auch das Bußsakrament empfangen, durch das wir unserem Willen zur Umkehr Ausdruck verleihen und die persönliche Begegnung mit Christus, dem Erlöser, die Vergebung unserer Schuld und seinen Ansporn für einen Neuanfang empfangen. Das Bußsakrament vermag der Versöhnung in der Familie die Dimension Gottes zu öffnen. Wenn wir lernen, unsere persönlichen und gemeinsamen Schwierigkeiten mit der Hilfe Christi anzugehen, erhält unsere Zuversicht eine völlig neue Grundlage. Mit ihm und durch ihn lernen wir einander jene Geduld zu schenken, die niemals aufgibt. Durch den regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes finden wir immer wieder den Weg zu einem neuen Anfang, zum Durchhalten und zur Freude trotz aller Schwachheit.

Insbesondere bezüglich Ehe und Familie gibt es Aussagen des kirchlichen Lehramtes, die heute von vielen nicht angenommen werden. Über sie wollte ich diesmal nicht schreiben. Sie sind wichtig. Wir müssen sie zu verstehen suchen. Sie haben ihren Sinn und sind aus der Verantwortung für den Menschen in Übereinstimmung mit der Lehre Jesu entstanden. Denen, die nüchtern und aufmerksam beobachten, wird auch mehr und mehr aus der Erfahrung klar, dass sie nicht folgenlos missachtet werden können. - Ich bin voll Zuversicht. Schon mehrmals im Laufe der Geschichte des Christentums ist es geschehen, dass eine Wahrheit längere Zeit hindurch von vielen nicht angenommen bzw. nicht erkannt wurde; aber der Hl. Geist hat noch immer seine Wirksamkeit entfaltet. dass dies bald geschehe und ein bei jung und alt immer noch größer werdender Schaden vermieden werde, darum sollten wir mit großem Glauben bitten.

Alle, Verheiratete und Unverheiratete, müssen wir im Gebet und den Sakramenten Hilfe und Halt suchen. Alle müssen wir konkret um Wachstum und Reifung Tag für Tag bemüht sein, weil jeder Mensch dazu berufen ist, lieben zu lernen, auch wenn die Lebensumstände unterschiedlich sind. Ehe und Familie sind die erste und wichtigste Schule der Liebe. dass wir uns nicht von den Zeitmeinungen desorientieren lassen! Wir müssen Jesus um Führung bitten, seine Frohbotschaft täglich umsetzen und mit Ihm eins sein. Das lässt die Freude, die Zuversicht und den Glauben an die Zukunft wachsen.

Verbunden im Gebet und im Bemühen um die Liebe Christi

+ Klaus Küng