Geistlicher Rundbrief Nr.: 4/1996

Komm, Herr Jesus, und säume nicht!

Liebe Mitchristen!

1. Weihnachten rückt näher

Einmal mehr nähert sich das Weihnachtsfest und damit regt sich in unseren Herzen die Sehnsucht des Advent. Die Liturgie drückt sie mit der Bitte aus: "Komm, Herr Jesus, und säume nicht!"

Ist dies nur ein "frommer Wunsch", der in Wirklichkeit weder bei uns noch bei den anderen etwas verändert, oder handelt es sich um etwas, das für unser Leben tatsächlich von Bedeutung ist?

Der Glaube sagt uns, dass Sein "Kommen" ein Leben, eine Familie, eine Gesellschaft und unter Umständen sogar ein ganzes Volk zu verändern vermag. Voraussetzung dafür ist, dass Seine Stimme gehört, Seine Botschaft angenommen und das Leben Seiner Weisung und den Regungen Seines Geistes entsprechend gestaltet bzw. geändert wird. Der Glaube sagt uns sogar, dass Er in einem gewissen Sinn wirklich selbst gegenwärtig wird, um in den Herzen der Menschen guten Willens Frieden und Freude zu verbreiten. Es ist also keine Illusion, sondern ein realistisches Verlangen zu bitten: "Komm, Herr Jesus!"

2. "Der Dialog für Österreich" - ein adventliches Ereignis

Die österreichischen Bischöfe wollen unter dem Motto "Dein Reich komme" als Schritt zur Erneuerung einen "Dialog für Österreich" einleiten. Das Ziel dieses Vorhabens besteht darin, auf der Grundlage des II. Vatikanums möglichst alle Gläubigen und Interessierten zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit der Botschaft Jesu zu ermutigen, damit sie uns wandelt, ein Mehr an Leben bringt, dem einzelnen persönlich, den Familien, den größeren Gemeinschaften.

"Dialog" ist seit dem Konzil einer der häufig verwendeten Begriffe. Schon im Konzil selbst war in mehreren Zusammenhängen von "Dialog" die Rede, was sich auch in seinen Texten niedergeschlagen hat. In der dogmatischen Konstitution über die Offenbarung ist z.B. vor allem vom Dialog Gottes mit den Menschen die Rede, die Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute" dagegen handelt vom notwendigen Dialog der Kirche mit der Welt, im Dekret über Ökumenismus und in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen oder in der Erklärung über Religionsfreiheit wird das Thema des Dialogs in der Ökumene dargestellt.

Dieser Dialog ist wichtig. Gewöhnlich entdecken wir im Dialog, was von uns erwartet wird, welche Schwierigkeiten und Probleme bestehen und welches unsere Zielsetzungen sein sollten. Die Verkündigung selbst geschieht in einem Dialog, wobei Gott, Christus und der durch das Evangelium und die Apostel Weitergetragenen Lehre der Kirche, die das Gut des Glaubens anvertraut erhalten und in aller Treue bis ans Ende der Zeiten zu bewahren hat, ein besonderer Stellenwert zukommt.

Wenn die Bischöfe im kommenden Jahr dazu einladen, in Bezug auf die Fundamente des Glaubens, die Herausforderungen der pastoralen und der gesellschaftlichen Situation einen Dialog zu eröffnen, so kann dies selbstverständlich nicht bedeuten, dass nun alle möglichen Fragen ohne jede Differenzierung auf einer breiten Ebene gewissermaßen zur Diskussion gestellt werden, so als gäbe es keinerlei sichere Grundlage und wäre alles - oder fast alles - eine Frage der Entscheidung. Vielmehr ist es eine Aufforderung, sich mit den Aussagen der Hl. Schrift und der Lehre der Kirche, auch mit den Dokumenten des Konzils und der Zeit danach auseinanderzusetzen und ernsthaft zu überlegen, wie sie in den derzeitigen Umständen zu verwirklichen sind. Der "Dialog für Österreich" ist in der Tat ein wichtiges und dringendes Anliegen, bei dessen Verwirklichung möglichst viele mittun sollten. Schon jetzt möchte ich alle Gläubigen dazu einladen. Zentral und entscheidend für dessen Sinnhaftigkeit und Erfolg wird sein, dass er im Herzen beginnt und um die Erhebung des Herzens zum Heil aus Gott bemüht ist.

3. Die Sehnsucht des Advent quillt aus dem Gebet

Der wichtigste Dialog ist das Gebet, das Zwiegespräch mit Gott. Das Gebet ist das Entscheidende in unserem Leben, weil Er die Quelle unseres Lebens (Ps 36, 10) ist, unsere Burg und unsere Zuflucht (vgl Ps 91, 2 - 12), vor allem unser Ziel (Offb 1, 8) und unser Heil (Offb 19, 1).

Unser Gebet bedarf freilich der Stütze und der Leitlinie Seines Wortes. "Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade" (Ps 119, 105). Und auch Sein Wort können wir nicht immer ohne fremde Hilfe begreifen. Wir bedürfen der Stütze und der Erläuterung durch die Kirche, welcher der Heilige Geist für die Aufgabe zu binden und zu lösen gegeben ist.

Der Advent ist Einladung, Gottes Wort auf uns wirken zu lassen. Die Christen der vergangenen Generationen haben aus der inneren Zwiesprache mit diesem Wort schon viele Zeichen geformt, die ihnen Kraft waren zur hoffnungsfrohen Gestaltung auch dunkler Zeiten. Wir sollten die in der Dunkelheit entzündeten Lichter des Adventkranzes nicht zu Schmuck oder Werbemitteln degenerieren lassen. Die Sätze der Adventbotschaften sollten uns Lichter werden - und durch uns auch anderen - erhellend erfahrene Botschaft, die unserem Herzen Nahrung sind. - Besonders dieser Dialog sollte uns in diesen Wochen leiten und sich in Taten der Menschenfreundlichkeit und Güte umsetzen, wie Paulus uns das im Titusbrief (3, 2) darlegt.

4. Bereitet dem Herrn den Weg

Einmal mehr möchte ich zu einem drängenden adventlichen Gebet auffordern. Es muss unser großes Verlangen sein: Der Herr möge zu uns kommen, zu den jungen und alten Menschen, zu Priestern, Ordensleuten und Laien, in unsere Familien und in die verschiedensten Bereiche unserer Gesellschaft, auch dort, wo Er derzeit nicht mehr zu Hause ist.

Dialog ist nötig. Allem anderen voran der dringendste Dialog, das Gebet, auch der Dialog im kleinen Kreis.

Gebet allein ist zu wenig. Zumindest bei uns selbst sollten wir versuchen, einen Schritt weiterzukommen: "Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden" (Lk 3, 5). Das heißt, wir sollten uns bemühen, Fehler abzubauen und Tugenden zu erwerben.

Wenn wir das Handeln Gottes an uns nachahmen wollen, dann geht es im Advent um unsere einfache, schlichte Menschlichkeit. So können wir Lichter gegen die Dunkelheit der Welt setzen. Unsere Freundlichkeit ist gefragt - in der Begegnung mit dem nächsten Menschen. Unsere Aufmerksamkeiten können in der Familie allen, die mit uns zusammen wohnen, die aufbauende Erfahrung schenken, dass wir sie gerne haben. Wie oft erhöht Rücksichtsnahme die gegenseitige Wertschätzung!

Wie wichtig sind Verzeihen, Um-Verzeihung-Bitten und Auf-den-anderen-von-neuem-Zugehen!
Oder Dem-anderen-für seine Hilfe, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe-Danken!

Es sind Taten verborgener, schlichter Menschlichkeit. Sie aber bringen die Erfahrung dessen nahe, was Jesus wollte, was mit Reich Gottes gemeint ist. Wenn in einer Ehe bewusst auf diese Weise miteinander gelebt wird, dann wird auch erfahren, was Sakrament bedeutet.

Natürlich geht es auch darum, dass wir unsere Humandefizite aufarbeiten. Wir sollten uns fragen: "Welches ist mein Hauptfehler? Welche Fehler kommen besonders häufig vor? Was ist die Ursache? Welches sind die Motive? Was könnte ich tun, um mich zu verbessern? Wo muss ich ansetzen? Wie könnte es konkretisiert werden? Sagen wir nicht, eine Änderung sei nicht möglich! Eine neue Anstrengung, eine neue Bemühung ist möglich. Wenn wir bemerken, dass wir eigentlich wenig an Gott denken, werden wir gut daran tun, eine konkrete Zeit des Gebetes festzulegen, Kurzgebete zu formulieren, Erfahrungen des Tages in Lob, Dank, Bitte an Ihn weiterzugeben. Wenn wir sehen, dass wir zu schwach sind, zu wenig konkret, vielleicht mutlos, dann werden wir uns um die Sakramente bemühen. Eine gute Beichte ist eine große Hilfe.

In der "Hauskirche" könnten wir einen Schritt versuchen: z.B. im Advent das Sonntagsevangelium im Kreis der Familie lesen und austauschen, was uns anspricht; das Tischgebet von neuem einführen, falls dies nötig ist; ein gemeinsames Morgengebet in der Familie versuchen; die Kerzen des Adventkranzes anzünden und mit einem Blick auf Gott (Gewissenserforschung) den Tag ausklingen lassen.

So könnte ich mir in etwa diesen vorrangigen Bereich des Dialogs als Suche nach Gottes Sendung für mich vorstellen.

Möge uns die Muttergottes mit ihrer Fürsprache beistehen, damit wir offen sind für den Heiligen Geist und Christus in unserem Leben aufnehmen.

Einen gesegneten Advent und ein frohes Weihnachtsfest wünscht

+ Klaus Küng