Geistlicher Rundbrief Nr.: 1/1997

Der Glaube an Jesus Christus, den Erlöser

„Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt. 20,20)

Liebe Mitchristen!

Mit diesem geistlichen Rundbrief möchte ich jeden von Euch sehr herzlich dazu ermutigen, sich engagiert bei der Vorbereitung des großen Jubiläums 2000 zu beteiligen, damit bei uns allen und bei möglichst vielen Menschen der Glaube an Jesus Christus entfacht wird.

Beeindruckende Glaubenszeugnisse im auslaufenden Jahrhundert

Vor etwas mehr als zwei Monaten wurden zwei Priester unserer Nachbardiözese Innsbruck selig gesprochen: Pfarrer Neururer und P.Gapp. Ihr Glaubenszeugnis ist beeindruckend und beinhaltet für unsere Zeit eine wichtige Botschaft. Sie haben ihr Leben in Treue zu Christus hingegeben. Auch in unserer Diözese gab es in der nationalsozialistischen Kirchenverfolgung Blutzeugen: allen voran Provikar Carl Lampert, dessen Seligsprechungsprozess noch aussteht; auch P. Reinisch ist für den Glauben gestorben. Außerdem haben mehrere andere Priester - wie z.B. Dekan Schelling, Pfarrer Gächter oder Pfarrer Knecht - des Glaubens wegen den Terror der Konzentrationslager erlitten.

Wie steht es heute?

Würde heute jemand für den Glauben sein Leben hingeben? - Ich glaube JA. Es gibt auch in unserer Zeit - wahrscheinlich mehr als es die öffentliche Meinung annehmen würde - tiefgläubige Christen, die mit aller Konsequenz für den Glauben einstehen, auch wenn sicherlich nicht wenige - vielleicht ist es die Mehrheit? - eine Art „Auswahlglauben“ bevorzugen, d.h. aus den Glaubensinhalten auswählen, was nach ihrem oder dem Empfinden einer angeblichen Mehrheit als gültig angesehen wird. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass sie sich den Glauben nach eigenem Gutdünken zurechtlegen und unter Umständen gar kein echt christlicher Glaube mehr vorliegt. Häufig ist damit verbunden, dass viele nicht mehr wissen, welche Hilfe sie durch den echten Glauben empfangen könnten.

Viele wissen nicht, was sie am Glauben haben

Vor einiger Zeit besichtigte ich eine berühmte Stiftsbibliothek, die über mehrere sehr alte Handschriften verfügt. Es handelt sich um Fragmente, die nur dadurch erhalten geblieben sind, dass in einer Epoche, in der die alten Schriften als unwichtig angesehen und fast zur Gänze vernichtet wurden, manche als Einbandhüllen von Büchern Verwendung fanden. Diese „Einbände“ sind heute das Wertvollste der ganzen Bibliothek. Durch Jahrhunderte hindurch hatten die Mönche nicht gewusst, welche Werte sie besitzen. Geht es uns so ähnlich?

Wenn ich in einem unserer vielen modernen, meist geschmackvoll und heimelig eingerichteten Restaurants einen alten Herrgottswinkel, eine schöne Madonna oder andere religiöse Gegenstände als Dekoration entdecke, kommt mir die Frage, ob noch jemand davor betet. Sogar bei wichtigen Zeremonien - wie z.B. einer Erstkommunion, einer Firmung oder einer Trauung - lässt sich bisweilen nicht übersehen, dass sie für manche anscheinend einfach ein „Fest“ unter anderen sind, ein schöner Brauch, etwas, was immer schon üblich war und bei bestimmten Lebensabschnitten dazugehört. Es ist nicht verwunderlich, dass sich diese „Zeremonien“ im Leben jener, die mit solchen Einstellungen teilnehmen, praktisch nicht auswirken. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Situation einem Arzt gleicht, der zwar ein wirksames Medikament zur Verfügung hätte, aber seine Patienten nicht von seiner Heilkraft überzeugen kann.

Christus selbst ist als Erlöser in der Kirche gegenwärtig

Als Jesus erst nach dem Tod des Lazarus in Betanien eintrifft, sagt Martha zu ihm: „Wärest du dagewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: alles, worum du bittest, wird Gott dir geben“ (Joh 11,21-22). Gerade darin besteht das große Geheimnis der Kirche, dass in ihr und durch sie das Erlösungswerk Jesu, ja Er selbst bis ans Ende der Zeiten gegenwärtig bleibt. Anscheinend ist dies nur wenigen bewusst, vielleicht vergessen wir bisweilen fast alle darauf, glauben zuwenig daran. Vor einiger Zeit sagte zu mir jemand, der selbst kein Katholik ist, aber offenbar über die Glaubensinhalte der Kirche recht gut Bescheid weiß: „Wenn die Katholiken wirklich glaubten, was die Kirche lehrt, nämlich dass Christus bei jeder Hl. Messe mit Leib und Blut selbst gegenwärtig wird, würden sie keine einzige Messe auslassen!“ Diese Bemerkung gab mir zu denken.

Schwinden des Glaubens an das Geheimnis der Erlösung

In unseren Schulen frage ich manchmal die Kinder und Jugendlichen nach der Bedeutung des Kreuzes. Es mag sein, dass sie durch die unmittelbar gestellte Frage überrascht sind und deswegen in der Antwort zögern; jedenfalls habe ich aus der Art der Antworten den Eindruck, dass der Glaube an das Geheimnis der Erlösung schwindet. Es handelt sich jedoch um eine zentrale Frage, vor allem um die feste Grundlage unserer Zuversicht! „Du bist meine Kraft“, „Du bist mein Heil“, beten wir mit dem Psalmisten. Und in Bezug auf den guten Hirten heißt es: „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen.“ (Ps 23,2ff). Gerade darin besteht die für uns wichtigste Botschaft: Er - der Heiland und Erlöser - ist lebendig unter uns und verlässt uns nicht, selbst dann, wenn vieles schief gelaufen ist, und wir große Fehler begangen haben!

Gott zieht seine rettende Hand nicht zurück

Der Erlöser ist und bleibt unter uns. Das ist unser Glaube: Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn (vgl Gal 4,4). Jesus wurde getötet, weil er nach dem Empfinden der Pharisäer und Schriftgelehrten durch die Behauptung, er sei Gottessohn, Gott gelästert hat (Lk 22,70-71). Er wurde von den Seinen nicht aufgenommen (vgl Joh 1,11). Er aber liebte die Seinen bis zur Vollendung (vgl Joh 13,1). Er ist dem Tod nicht ausgewichen. Durch seine Wunden sind wir geheilt (Jes 53,5). Er wird von den Toten auferweckt und lebt. Mit seinem Leiden und Sterben zeigt er, wie weit Gottes Liebe reicht. Seinen Jüngern vertraut er an: „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird... und dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,19-20). Er zeigt seine Liebe zum Vater durch seinen Gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Deswegen ist sein Name über allen Namen (vgl Phil 2,8).

Dieser gleiche Christus bleibt in der Kirche gegenwärtig. Er verheißt seinen Jüngern:
„Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt. 28,20).

Wir können mit Ihm eins werden in seinem Leiden und Sterben: Er ist treu, auch wenn wir nicht treu sind. Durch Ihn können wir Gott loben und preisen wie es für Gott - auch für uns - angebracht ist. Ohne Ihn würden wir an unseren Grenzen scheitern. Durch Ihn, mit Ihm und in Ihm können wir Gott um alles bitten, was für uns und andere nötig ist. Wir können von seinem Leben empfangen, das für uns Ansporn und Quelle der Liebe ist, Keim des ewigen Lebens. Er verlässt sie Seinen nicht! Durch die Kirche, insbesondere durch ihre Sakramente, die er eingesetzt hat, wird dies möglich. Zu großer Dankbarkeit sind wir verpflichtet.

Warum ist die Kirche nicht wirksamer?

Im Konzil wurde auf die verschiedenen Arten seiner Gegenwart hingewiesen. In der Konstitution über die Hl. Liturgie heißt es: „Um dieses große Werk voll zu verwirklichen, ist Christus seiner Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den liturgischen Handlungen. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe, sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht - denn „Derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat“ -, wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, so dass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die Heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, Er, der versprochen hat: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20)“ (SC 7). Anfangs hatten manche Bedenken, dass diese Worte des Konzils zu Verwirrung führen könnten, insbesondere zur Verwischung dessen, was der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie im Unterschied zu den anderen Arten seiner Gegenwart meint. Heute erkennen wir - auch aufgrund mancher Fehlentwicklungen nach dem Konzil - die Notwendigkeit einer gegenseitigen, abgewogenen Zuordnung der verschiedenen Begegnungsweisen mit dem Herrn. Er ist da. Das sagen uns Gottes und der Kirche Wort. In seiner Wirksamkeit hat er sich jedoch auch an unser Mittun gebunden. Wenn es der Kirche an Wirksamkeit mangelt, dann muss es an diesem unseren Mittun liegen.

Wege, um der Erlösung teilhaftig zu werden

Der gläubigen Feier der Eucharistie kommt zentrale Bedeutung zu: Christus selbst verkündet uns in ihr Heilsbotschaft, ist in ihr mit seinem Leib und seinem Blut, mit seinem Leiden und Sterben sowie mit seiner Auferstehung gegenwärtig. Wir sind aufgerufen, auf Ihn zu hören, uns mit Ihm zu vereinen.
Wie wichtig wäre die richtig verstandene, vom Konzil geforderte und erhoffte aktive Teilnahme aller Gläubigen am inneren geistig-geistlichen Vollzug der Feier der Hl. Messe! (vgl. SC 48).
Wir sollen unsere geistlichen Gaben bringen, die persönliche Hingabe an Ihn in jeder Feier neu vollziehen, aktualisieren. Wir können unsere Arbeit, unsere Sorgen und Wünsche, unser Bemühen, unser eigenes Leben und die Sorgen der anderen zu den Gaben der Kirche auf den Altar legen, Gestaltung unseres konkreten Lebens erbitten. So wird unser Leben zur Gabe für Ihn, zum Lob des dreifaltigen Gottes.
Diese Art der Lebensgestaltung bringt persönliche Beziehung zu Christus, zu Gott. Sie schafft Getaufte und Gefirmte, die - wie das letzte Konzil es anstrebt - ihre Lebenswelt im Geiste Jesu gestalten - und umgestalten.
Freilich setzt eine solche aktive Teilnahme an der heiligen Messe die Pflege des persönlichen Betens voraus. Es ist von großem geistlichen Nutzen, Christus, der unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig bleibt, anzubeten und in seiner Nähe zu verweilen. Zugleich ist es erforderlich, durch die Betrachtung der heiligen Schriften sein Wort zu suchen und wachen Herzens zu vernehmen im Wissen, dass Er es ist, der zu uns spricht. Es gilt, die je besondere Botschaft einer jeden Verkündigung zu erfassen und auf die eigene Lebenssituation in Familie, Beruf und Gesellschaft anzuwenden.
Bei alldem ist niemals zu vergessen: Unser Tun ist nötig. Wenn wir auf seine Worte „Kehrt um“ und „Folge mir nach“ nicht reagieren, keine der Botschaft entsprechende Änderung unseres Lebens anstreben, werden wir fast unvermeidlich in eine Routine abgleiten, die tödlich sein kann. Eucharistiefeier, Gebete und andere fromme Übungen werden kaum wirksam werden, sofern uns nicht dieser Zusammenhang bewusst ist. Christus ermahnt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen,, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21).
Die Eucharistiefeier muss in unseren Tag ausstrahlen und unser Gebet, unser Sprechen mit Gott, unsere Begegnung mit Christus, die uns zu Einsichten, Entschlüssen und Vorsätzen führt, dürfen nicht Impulse sein, die verloren gehen. Wir müssen sie umzusetzen suchen; sie sollten ein konkretes Bemühen in unserer Beziehung zu Gott, im Umgang mit den anderen sowie bei der Erfüllung unserer Aufgaben mit sich bringen. Nur so nützen wir die Zeit (vgl. Joh 9,4).

Schließlich möchte ich an die Bedeutung des regelmäßigen Empfanges des Bußsakramentes erinnern. Es ist meines Erachtens eine unverzichtbare Stütze. In ihm begegnet uns der Erlöser in einer besonderen Weise. Er reinigt unser Herz und verschafft uns Erleichterung, Er ermutigt und bestärkt uns in unserem Verlangen, besser zu werden. Gerade der regelmäßige Empfang dieses Sakramentes hilft uns, in unserem Streben nach einem echten Christsein konkrete Schritte im Alltag zu versuchen und im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn darin nicht nachzulassen. Ohne regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes wird die eucharistische Praxis häufig äußerlich und das Gebet verliert an Kraft. Das Hören des Gotteswortes geschieht außerdem ohne das nötige Bewusstsein: Damit wir mit den „Augen des Herzens“ das „Wunderbare“ seiner Botschaft erkennen, bedürfen wir seiner heiligmachenden und helfenden Gnade . Denn ohne ihn können wir nichts tun (vgl. Joh 15,5).

Ein Jubiläum, wie es sein sollte

Die Feier des Jubiläums 2000, bei dem wir der Menschwerdung des Gottessohnes gedenken, ist ein sehr großes Anliegen. Wir stoßen dabei auf die Grundlagen unserer Hoffnung. Viele Menschen könnten ihren Weg finden, wenn sie die Früchte dieser Menschwerdung, Christus, den in der Kirche und durch sie gegenwärtigen Erlöser, entdeckten.
Wie kommt es zu dem wahren Aufbruch, den unsere Zeit braucht? - Machen wir selbst den Anfang! Persönlich und gemeinsam! Sagen wir nicht, wir seien ohnmächtig oder nur wenige. „Die Rechte des Herrn ist ungeschwächt!“ Der Aufbruch ist bereits im Gang - dort, wo Umkehr beim einzelnen anfängt und Nachfolge versucht wird. Wenn wir uns Christus ehrlich zuwenden und ihn in unserem Leben eingreifen lassen, werden wir erfahren, wie wahr es ist, dass Er, der das Werk begonnen hat, es auch vollenden wird (vgl Phil 1,6). Sagen wir es auch an andere weiter!

Eine gesegnete Fastenzeit und ein frohes Osterfest wünscht


+ Klaus Küng