Geistlicher Rundbrief Nr.: 3/2000

Die sakramentale Gnade der Ehe

 

Liebe Mitchristen!

Viele junge Paare fragen sich heute „Wozu heiraten?“. Manche sind sich gar nicht sicher, ob das Eingehen einer Ehe überhaupt geboten ist, insbesondere solange keine Kinder da sind. Auf jeden Fall scheint es ihnen angebracht, zuerst einmal zu schauen, ob ein Leben miteinander möglich ist. Sie erhoffen sich, durch ein Zusammenleben die Frage nach lebenslangem Zusammenpassen klären zu können. – dass ein tägliches Leben miteinander unweigerlich erhöhte Anforderungen an die Beziehungsfähigkeit stellt, auch bei gutem Willen Begrenzungen aufdeckt, die nicht „über Nacht“ behoben werden können, wird übersehen. Wenn dann der prüfende Blick: „Lohnt sich das?“ dazu kommt, kann der Wille zum lebenslangen „Ja“ schwierig werden. Sie übersehen, dass meist tiefe Verwundungen zurückbleiben, wenn sie nach einem intimen Verhältnis auseinander gehen. Sie übersehen auch, dass sich nicht selten gar keine tiefere Beziehung zwischen ihnen entwickelt, wenn von Anfang an vor allem die geschlechtliche Befriedigung gesucht wird. Sie übersehen weiters, dass die Freiheit der Entscheidung füreinander beeinträchtigt ist, wenn bereits durch die Lebensweise eine Bindung entstanden ist. Besonders stark wird die Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt, wenn eine unerwartete Schwangerschaft eintritt.

Eine besondere Problematik für viele junge Paare ist die Entscheidung, ob sie kirchlich heiraten sollen. Das hängt oft damit zusammen, dass sie keine engere Beziehung zur Kirche haben und dass ihnen das Verständnis für die Bedeutung der Sakramente im allgemeinen und für das Ehesakrament im Konkreten fehlt. Die Vorstellungen bezüglich Ehesakrament sind häufig sehr kümmerlich und oberflächlich.

Tragisch ist es, wenn sie sich nach Jahren des Zusammenlebens zu einer kirchlichen Trauung aufraffen und wenige Monate später scheiden lassen, was leider vorkommt.

Vor diesem Hintergrund möchte ich das Thema „Die sakramentale Gnade der Ehe“ zu behandeln versuchen und mich mit den Fragen auseinandersetzen: Was ist das Ehesakrament im Verständnis der Kirche? Was bewirkt es? Was ist die sakramentale Gnade des Ehesakramentes? Wie wirkt sie? Welches sind die Voraussetzungen dafür, dass sie wirkt? Was könnte man tun, um jungen Paaren beizustehen? Und da leider auch nach einer größeren Zahl von Ehejahren Scheidungen nicht selten sind, wird es gut sein, ältere Ehepaare bei diesen Überlegungen nicht auszuklammern.

Das Ehesakrament im Verständnis der Kirche

Zunächst scheint mir wichtig festzuhalten, dass das Ehesakrament im Verständnis der Kirche den Schöpfungsplan Gottes in Bezug auf Ehe und Familie voraussetzt. Dieser lässt sich gerafft etwa folgendermaßen zusammenfassen:

Da Gottes Wesen die Liebe ist, hat er den Menschen aus Liebe erschaffen, und zwar als sein Abbild. Aus dem gleichen Grund hat er ihn zur Liebe bestimmt. Liebe ist die angeborene, grundlegende Berufung jedes Menschen (vgl. KKK 1604).

Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es in Punkt 1702: „Das Bild Gottes ist in jedem Menschen gegenwärtig. Es wird in der Gemeinschaft der Menschen, die der Einheit der göttlichen Personen gleicht, sichtbar.“ In den folgenden Punkten wird diese Aussage näher entfaltet: „Weil er eine ’geistige und unsterbliche Seele’ besitzt (II. Vat. Konzil, „Kirche und Welt“, GS 14), ist ’der Mensch ..... auf Erden das einzige Geschöpf ...., das Gott um seiner selbst willen gewollt hat (GS 24, 3)’. Schon von seiner Empfängnis an ist er für die ewige Seligkeit bestimmt“ (KKK 1703).

„Der Mensch hat am Licht und an der Kraft des göttlichen Geistes teil. Durch seine Vernunft ist er fähig, die vom Schöpfer in die Dinge hineingelegte Ordnung zu verstehen. Durch seinen Willen ist er imstande, auf sein wahres Heil zuzugehen. Er findet seine Vollendung in der „Suche und Liebe des Wahren und Guten“ (GS 15, 2), (KKK 1704).

„Dank seiner Seele und seiner geistigen Verstandes- und Willenskraft ist der Mensch mit Freiheit begabt, die ’ein erhabenes Kennzeichen eines göttlichen Bildes im Menschen’ ist (GS 17).“ (KKK 1705).

„Durch seine Vernunft vernimmt der Mensch die Stimme Gottes, die ihn drängt, ’das Gute zu lieben und zu tun und das Böse zu meiden’ (GS 16). ... Im sittlichen Handeln zeigt sich die Würde des Menschen“ (1706).

Der Mensch ist ein Mikrokosmos. Er vereinigt in sich Geist und Körper. So ist er die Krönung der Schöpfung, die ein Ausdruck der Herrlichkeit Gottes ist, dazu angelegt, an dieser Herrlichkeit teilzuhaben.

Gott hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen. Ihre gegenseitige Liebe kann zu einem Bild der unverbrüchlichen absoluten Liebe werden, mit der Gott den Menschen liebt. Ihre Liebe ist in den Augen des Schöpfers gut, ja sehr gut (Gen 1, 31). Die eheliche Liebe wird von Gott gesegnet und dazu bestimmt, fruchtbar zu sein und sich im gemeinsamen Werk der Verantwortung für die Schöpfung zu verwirklichen: „Gott segnete sie, und sprach zu ihnen: ’Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch’“ (Gen 1, 28).

Die Ehe unterliegt – wie im Konzilsdokument „Gaudium et Spes“ festgehalten wurde – nicht der Gestaltungswillkür des Menschen. Sie gehört zum Schöpfungsplan Gottes. „Die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe wurde vom Schöpfer begründet und mit eigenen Gesetzen geschützt ... Gott selbst ist der Urheber der Ehe“, heißt es wörtlich in der Pastoralkonstitution Kirche und Welt (GS 48, 1) und im Katechismus der Katholischen Kirche steht: „Die Berufung zur Ehe liegt schon in der Natur des Mannes und der Frau, wie diese aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen sind. Die Ehe ist nicht eine rein menschliche Institution, obwohl sie im Laufe der Jahrhunderte je nach den verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsstrukturen und Geisteshaltungen zahlreiche Veränderungen durchgemacht hat“ (KKK 1603).

Die eheliche Gemeinschaft ist nach dem Schöpfungsplan Gottes auf gegenseitige Liebe und Fortpflanzung hingeordnet und ihre wesentlichen Eigenschaften sind die Einheit, die Unauflöslichkeit und die Ausrichtung auf Nachkommenschaft. Die Ehe ist eine Art, wie der Mensch seiner Bestimmung, seiner Berufung entspricht. Durch Christus wissen wir, dass es auch eine zweite Art gibt, der Berufung als Mensch ganzheitlich – mit Leib und Seele – zu entsprechen, nämlich indem sich jemand ganz in den Dienst des Reiches Gottes stellt und aus diesem Grund auf Ehe verzichtet.

Störung der Schöpfungsordnung durch die Sünde

Es darf aber nicht außer acht gelassen werden, dass die Schöpfungsordnung durch die Sünde in Unordnung geraten ist. Das gilt allgemein in Bezug auf die ganze Schöpfung und den Menschen, aber auch konkret in Bezug auf Ehe und Familie. Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt dazu: „Jeder Mensch erfährt in seiner Umgebung und in sich selbst das Böse. Diese Erfahrung zeigt sich auch in den Beziehungen zwischen Mann und Frau. Ihre Vereinigung war zu allen Zeiten durch Zwietracht, Herrschsucht, Untreue, Eifersucht und Konflikte bedroht, die bis zum Hass und zum Bruch gehen können. Diese Unordnung kann sich mehr oder weniger stark äußern. Sie lässt sich je nach den Kulturen, Epochen und Individuen mehr oder weniger überwinden, scheint aber doch eine allgemeine zu sein“ (1606). Und weiter unten: „Als Bruch mit Gott zieht die Ursünde als erste Folge den Bruch der ursprünglichen Gemeinschaft von Mann und Frau nach sich. Ihre Beziehungen werden durch gegenseitige Vorwürfe getrübt; ihre gegenseitige, vom Schöpfer eigens geschenkte Zuneigung entartet zu Herrschsucht und Begierde; die schöne Berufung von Mann und Frau, fruchtbar zu sein, sich zu vermehren und sich die Erde zu unterwerfen, wird durch die Schmerzen des Gebärens und durch die Mühe des Broterwerbs belastet“ (1607). Die Schöpfungsordnung bleibt trotzdem bestehen, auch wenn sie durch die Sünde schwer belastet ist. Gott aber hat den Menschen nicht verlassen. Er hat uns seinen Sohn gesandt und den Heiligen Geist. Mit der Hilfe Gottes kann der Mensch sein Ziel erreichen, er muss sich aber dessen bewusst sein, dass er der Erlösung bedarf. In diesem Sinn lehrt der Katechismus: „Um die durch die Sünde geschlagenen Wunden zu heilen, benötigen Mann und Frau die Hilfe der Gnade, die Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihnen nie verweigert hat. Ohne diese Hilfe kann es dem Mann und der Frau nie gelingen, die Lebenseinheit zustande zu bringen, zu der Gott sie ’am Anfang’ geschaffen hat“ (1608).

Die Heilsordnung

Durch Christus wird es für den Menschen möglich, trotz Fehlern und Schwachheit sein Ziel zu erreichen. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6), er bringt die Fülle der Offenbarung und zugleich die nötige Hilfe von Gott, Heilung durch Vergebung der Sünden, die Gnade der Freundschaft mit Gott, die unser Herz für ihn öffnet und uns an seinem Leben teilhaben läßt. Von Christus empfangen wir aber auch konkrete Hilfe, um den Aufgaben des Lebens zu entsprechen.

All das gilt ganz allgemein, aber auch konkret für die Ehe, die Christus wegen ihrer hervorragenden Bedeutung in der Schöpfungs- und in der Heilsordnung zu einem Sakrament erhoben hat.

Die Grundlage

Um die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten dieser Heilsordnung verstehen zu können, müssen wir von den Grundlegungen des christlichen Lebens ausgehen. Durch die Taufe wurden wir in das Erlösungswerk Christi – in sein Leiden und Sterben, sowie in seine Auferstehung – eingetaucht, erlangten wir die Vergebung der Erbsünde. Ein Erwachsener, der getauft wird, erlangt die Vergebung aller vor der Taufe begangenen Sünden, sofern er sie bereut und zur inneren Umkehr bereit ist. Durch die Taufe kam es zur Eingliederung in die Gemeinschaft mit Christus, zur Begründung der Verbundenheit mit ihm, der als Sohn Gottes eins ist mit dem Vater und dem Heiligen Geist, es kam zur Grundlegung der Freundschaft mit Gott. So wurde ein Leben in der Gnade Gottes und in Offenheit auf ihn hin möglich. Durch die Firmung wurde diese Eingliederung vervollständigt, die Verbundenheit mit Christus besiegelt. Der besondere Beistand des Heiligen Geistes und seiner Gaben wurde zugesagt, um in allen Situationen des Lebens die Möglichkeiten der Gestaltung des Lebens auf Christus hin zu erkennen, um jeweils den richtigen Weg zu wählen. Die Taufe befähigt uns zum Empfang der Eucharistie, die Firmung bestärkt diese Fähigkeit. Durch die Eucharistie können wir mit Christus eins sein, mit ihm, der sein Leben zur Rettung der Welt und zu unserer Rettung hingegeben hat. Von ihm empfangen wir Speise und Kraft für ein Leben der Hingabe an Gott. Durch das Bußsakrament wird die Verbundenheit mit Gott wieder hergestellt: Wenn diese durch die Sünde verloren gegangen ist; wenn keine schwere Sünde vorliegt und das Sakrament mit dem Verlangen nach Reinigung und Verbesserung empfangen wird, dann wird die Verbundenheit mit Gott durch dieses Sakrament befestigt und vertieft, zugleich werden besondere Hilfen vermittelt, um in jenen Punkten wirksam zu „kämpfen“, in denen es besonders nötig ist.

Das Ehesakrament

In der Ehe schließen sich ein Mann und eine Frau zu einem Bund für das ganze Leben zusammen, um gemeinsam und zusammen mit den Kindern, wenn Gott sie schenkt, das Lebensziel – lieben lernen – zu erstreben.
In der Ehe wird bei jenen, die sie eingehen, die durch Taufe und Firmung grundgelegte christliche Berufung – das Streben nach wahrer Liebe, nach Vollkommenheit, nach Heil und Heiligkeit – konkretisiert: Durch das gegenseitige Versprechen, einander treu zu sein, bis der Tod sie scheidet, und zu Kindern ja zu sagen, wenn Gott sie schenkt, entsteht zwischen dem Brautpaar ein unauflösliches Eheband, das durch Gott besiegelt wird. Mann und Frau werden so zu einer Einheit, sie werden ein Fleisch, eine personale Gemeinschaft. Ab diesem Augenblick gehören sie für immer auf ihrem Weg zu Gott zusammen. Es könnte auch so gesagt werden: durch die Eheschließung erhält der Weg zu Gott für einen Mann, für eine Frau einen konkreten Namen. Der Ehepartner wird in einem gewissen Sinne zum Träger des Rufes Gottes. Durch die gemeinsame Bewältigung des Lebens und seiner Prüfungen, durch die Sorge um die Kinder sollen sie, geführt vom Heiligen Geist, gemeinsam mit Christus in der Befähigung zur Liebe wachsen, allmählich gereift, verwandelt werden. Bei all dem sind auch die persönlichen Eigenschaften der Ehepartner und ihrer Kinder, die persönlichen Anlagen, Fähigkeiten und Schwächen jedes einzelnen Mitgliedes der Familie miteinzubeziehen. Gott ruft uns zur Liebe und zum Wachstum in der Liebe so wie wir sind. Er schenkt uns dazu aber auch seine Hilfe und Gnade.

Das Eheband entsteht immer, wenn das Sakrament gültig gespendet bzw. empfangen wird, das heißt, wenn Mann und Frau sich in Freiheit und mit der entsprechenden Absicht – für immer, ohne Bedingungen und offen für Kinder – gegenseitig das Ja-Wort geben und keine Ehehindernisse vorliegen. Das ist ähnlich wie bei der Taufe, bei der Firmung oder bei der Priesterweihe. Diese Sakramente hinterlassen in der Seele ein geistiges, unauslöschliches Prägemal, wenn sie gültig gespendet werden, sodass jene, die sie empfangen, für immer getauft, gefirmt, geweiht sind.

Ein Sakrament der Lebenden

Geistlich und menschlich fruchtbar werden aber diese Sakramente nur dann, wenn die nötigen persönlichen Voraussetzungen gegeben sind: Taufe und Bußsakrament - in bestimmten Situationen auch die Krankensalbung – bewirken die Vergebung der Sünden und den Empfang der heiligmachenden Gnade, das heißt die freundschaftliche Verbundenheit mit Gott. Das Bußsakrament schenkt außerdem – wie bereits gesagt – auch sakramentale Gnaden, das heißt besondere Gnadenhilfen, um sich in jenen Bereichen wirksam zu bemühen, die Schwierigkeiten bereiten. Diese Wirkungen – Vergebung der Sünden, Vermittlung der heiligmachenden und der helfenden Gnade zur Entfaltung des Menschseins – treten aber, jedenfalls bei jenen, die zum Vernunftgebrauch gelangt sind, nur dann ein, wenn die begangenen Sünden bereut werden und wenn der Vorsatz zur Lebensänderung besteht. Außerdem ist normalerweise das aufrichtige Bekenntnis in einer persönlichen Beichte bei einem Priester nötig.

Die anderen Sakramente – die Firmung, die Eucharistie, die Priesterweihe und auch das Ehesakrament - setzen den Stand der Gnade voraus, um geistlich fruchtbar zu sein.

Getaufte, die nicht entsprechend leben, die die Gebote Gottes nicht beachten, gegen sie in wichtiger Materie verstoßen, gleichen einem Luster ohne Licht. Sie sind zwar getauft (der Luster wurde erzeugt), aber Christus ist in ihnen nicht lebendig (das Licht brennt nicht), sie leben nicht im Stand der Gnade, in Freundschaft mit Gott. Wenn solche Getaufte die Firmung empfangen, sind sie zwar, wenn ein dazu bevollmächtigter Spender das Sakrament spendet und dabei das tut, was die Kirche mit der Spendung dieses Sakramentes tun will, gültig gefirmt, das heißt, sie empfangen das geistige, unauslöschliche Prägemal der Firmung in ihrer Seele, aber das Sakrament wird nicht fruchtbar, solange sie nicht umkehren, durch das Sakrament der Buße die Vergebung empfangen und neuerlich in den Stand der Gottverbundenheit gelangen. Erst dann leuchtet wieder das Licht auf, die heiligmachende Gnade wird entfacht und sie empfangen die sakramentalen Gnaden und, als besondere Frucht der Firmung, den Beistand des Heiligen Geistes und seine Gaben. Ähnliches gilt für die Priesterweihe und auch für das Ehesakrament. Diese Sakramente werden deshalb genauso wie die Eucharistie Sakramente der Lebenden genannt im Sinne, dass in den Empfängern das Leben im Geiste Jesu Christi, die heiligmachende Gnade als Voraussetzung für die Fruchtbarkeit vorhanden sein muss.

Vermehrung der heiligmachenden Gnade

Wenn die Empfänger im Stand der Gnade leben, also keine schwere Sünde vorliegt und der Verbundenheit mit Gott kein Hindernis entgegen steht, dann wird durch den Empfang dieser Sakramente einerseits die heiligmachende Gnade verstärkt und vermehrt, andererseits sakramentale, d.h. besondere Gnadenhilfe vermittelt. Diese unterstützt bei der Ausübung jener Aufgaben und Pflichten, die der Empfang dieser Sakramente mit sich bringt.

Für das Ehesakrament gilt außerdem als Besonderheit: Der hl. Paulus nennt das Ehesakrament ein großes Geheimnis, weil es die Beziehung Christi zur Kirche darstellt. Konkret: Mann und Frau sollen so füreinander da sein, wie Christus für die Kirche da ist: er gibt sein Leben hin und schenkt sich sogar als Speise. Die Eheleute dürfen davon ausgehen, dass sie alle nötigen Gnadenhilfen empfangen, um ihrer Berufung und den damit verbundenen Aufgaben entsprechen zu können, da sie ihren Bund in Christus geschlossen haben, das heißt, in seinem Sinne, mit der gleichen Bereitschaft zur Hingabe, die er uns vorgelebt hat.

Durch den Empfang des Ehesakramentes wird, erstens, die Verbundenheit mit Gott vertieft und die heiligmachende Gnade vermehrt. Das Ehesakrament ist – wie bereits erklärt – eine Konkretisierung der in Taufe und Firmung grundgelegten christlichen Berufung. Diese besteht im Miteinander von Mann und Frau, im Bestreben, einander das Hilfreiche, Aufbauende zu tun, im Streben nach Heiligkeit, nach Vollkommenheit, nach Wachstum in der Liebe. Der Empfang des Ehesakraments bewirkt bei jenen, die im Stand der Gnade leben, eine Vermehrung dieser heiligmachenden Gnade, es wächst die Kraft, das Erlösende füreinander zu tun. Das ist für sie die wichtigste Grundlage der Zuversicht: wer mit Gott verbunden ist, weiß sich immer und in allem, insbesondere im Schwierigen begleitet. Das Bewußtsein der Nähe Gottes ist die beste Ermutigung im persönlichen und gemeinsamen Bemühen.

Sakramentale Gnade

Die Eheleute dürfen aber, zweitens, gleichzeitig darauf bauen, dass ihnen auch alle nötigen spezifischen Gnaden im Sinne sakramentaler Gnaden zuteil werden, um den Herausforderungen des gemeinsamen Lebens, der Erziehung der Kinder, der Entfaltung einer christlichen Familie gewachsen zu sein. Diese sakramentalen Gnaden empfangen die Eheleute als Einzelperson und als eheliche Gemeinschaft, wenn sie beide um ein christliches Leben aufrichtig bemüht sind, das heißt: suchen, anklopfen, bitten um den heilenden und heiligenden Geist (Lk 11,5 – 13).

Das Ehesakrament wird zur Quelle, aus der sie schöpfen können, um einen gemeinsamen Weg im Zusammenleben zu finden, um sich selbst und einander besser verstehen zu lernen, um sich gegenseitig zu ergänzen, um Konflikte abzubauen und Vergebung zu üben, um aufmerksam zu sein und einander im Positiven zu fördern. Die Sorge um die Kinder in den verschiedenen Phasen ihres Lebens wird für die Eltern eine immer wieder neue Gelegenheit, ihre Liebe nach dem Vorbild Christi und verbunden mit ihm zu entfalten. Das Ehesakrament bildet in den Eheleuten eine Grundlage für einen Wachstums-, Läuterungs- und Reifungsvorgang, der das ganze Leben lang andauert und in den verschiedenen Lebensphasen mit den wechselnden Umständen in vielfacher Hinsicht immer wieder neue Facetten annimmt.

All das setzt, um wirksam und fruchtbar zu sein, - ich wiederhole - die Verbundenheit mit Gott voraus bzw. das Verlangen danach.

Hilfen auf dem Weg

Eine große Bedeutung kommt dabei der Eucharistie zu. Alle Sakramente sind auf die Eucharistie ausgerichtet, das Ehesakrament empfängt durch die Eucharistie in besonderer Weise Speise und Bestärkung: wir hören die Botschaft Jesu, der uns – wenn wir seine Impulse im Leben umsetzen zur Aufrichtung, zu echter Menschlichkeit führt. Eheleute begegnen in der Eucharistie dieser großen Liebe des Herrn, der für die Kirche, auch für sie sein Blut vergossen hat. Die Eucharistie erinnert sie an ihr gegebenes Treueversprechen, sie schenkt ihren Bemühungen Nahrung, Energie. Er selbst, der Herr und Erlöser, bestärkt sie auf ihrem Weg und gibt ihnen Kraft durchzuhalten, auch wenn es manchmal schwer ist und viel von ihnen abverlangt. Die hl. Kommunion führt zur Einheit mit ihm und zur Einheit untereinander.

Weiters kommt auch dem regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes gerade für das Eheleben und das Leben in der Familie große Bedeutung zu: das Licht muss immer wieder neu entzündet werden, wenn es erlischt; die Asche, die sich aufgrund der Unvollkommenheiten der einzelnen Mitglieder der Familie im Alltag ansammelt, muss entfernt, die Glut entfacht werden. Die Versöhnung in der Familie beginnt oft mit dem ehrlichen Eingeständnis der eigenen Schuld im Bußsakrament, im Empfang der Vergebung und mit einem festen Vorsatz, neu anzufangen. In der persönlich abgelegten, aufrichtigen Beichte lassen wir alle falschen Entschuldigungen beiseite, konkretisieren wir unsere Bemühungen, empfangen wir neues Licht, um auf den anderen zuzugehen, und jene Gnadenhilfen, Ideen, die nötig sind, um ausdauernd und ohne Entmutigung auf dem Weg weiterzugehen.

Die Notwendigkeit, sich persönlich anzustrengen

Beim Nachdenken über die Sakramente – und das gilt auch für das Ehesakrament – stoßen wir auf die Grundlage, die uns mit Recht Hoffnung vermittelt; wir erkennen, dass Gott uns beisteht, Gnade schenkt. Der Glaube sagt uns, dass Gott den Menschen guten Willens niemals im Stich lässt, dass seine Gnade unserem Tun vorauseilt, uns in allem begleitet und uns auch wieder zurückholt, wenn wir versagt haben. Es macht uns aber auch bewusst: unser Mittun ist erforderlich.

Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es unter Nr. 2002: „Das freie Handeln Gottes erfordert die freie Antwort des Menschen. Denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen und hat ihm zusammen mit der Freiheit die Fähigkeit verliehen, ihn zu erkennen und zu lieben. Die Seele kann nur freiwillig in die Gemeinschaft der Liebe eintreten....“

Die Sakramente dürfen nicht betrachtet werden, als wären sie ein Medikament, das man nur einnehmen muss und nach einiger Zeit wirkt, ohne dass etwas Besonderes zu tun wäre. Wenn ein Brautpaar möchte, dass seine Ehe gelingt, wenn es den Wunsch hat, eine christliche Familie zu gründen, sind persönliche Initiative und eigenes Bemühen nötig. Zwei Extreme sind falsch: Beten und die Sakramente empfangen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass eine Lebensänderung und daher auch persönliche Anstrengung erforderlich ist, oder zu meinen, alles sei nur Frage der eigenen Anstrengung, so als hinge alles nur von uns selbst ab, ohne daran zu denken, dass uns Gott seinen Sohn gesandt und dass uns Christus am Kreuz erlöst hat.

Woher erfahren wir, was wir tun müssen?

Die Orientierung für dieses unser Streben – das trifft auch für die Familie zu – finden wir im Evangelium, so wie es die Kirche lehrt, weiters in den Erfahrungen der Heiligen und jener, denen Ehe und Familie im christlichen Sinn ein Anliegen sind. Es zeigt sich im persönlichen und gemeinsamen Tugendstreben. Dazu gehört z.B. die Bemühung, aufmerksam und liebevoll zu sein, möglichst zu vermeiden, was verletzen könnte, die Bereitschaft, bestimmte Aufgaben zu übernehmen usw.. Weiters wird sich dieses Bemühen unter anderem darin zeigen, dass nach einer kleineren oder größeren Auseinandersetzung ein Neuanfang versucht wird, dass Klärungen herbeigeführt und Absprachen getroffen werden usw.. Dafür ist Gespräch nötig, gegenseitige Aufrichtigkeit, aber auch Gebet, das Gespräch mit Gott und der Empfang der Sakramente, die die Quellen der Gnaden sind.

So wird das Ehesakrament wirksam: es ist ein Zusammenwirken zwischen Gott und Mensch, ein Hinhören auf Gott und aufeinander. Ein Anfangen und Neu-Anfangen. Die Erlösungsbedürftigkeit wird dabei immer wieder von neuem erfahren, weil uns gewisse Schwächen unser Leben lang begleiten, manchmal auch neue Schwierigkeiten auftreten.

In der Familie führt dies zur Entwicklung einer gemeinsamen Lebensweise, zur Einhaltung familiärer Gewohnheiten, zur Pflege des Miteinander in Arbeit und Freizeit, zur gegenseitigen Förderung. Die Familie wird unter der Führung des Heiligen Geistes zur wichtigsten Schule des Lebens, der Liebe und des Glaubens, zu einer Kirche im Kleinen, in der Christus geboren wird und lebt, sich wahre Liebe entfalten kann. Es ist kein illusorisches Ideal, sondern konkrete Umsetzung des Glaubens an Christus, Keimzelle der Kirche und Grundlage der Gesellschaft.

Wege zur Erneuerung

Noch ein paar Sätze zur Frage, was wir tun können, um jungen Paaren bei der Entdeckung des Ehesakramentes beizustehen und um Familien, auch ältere Ehepaare, wirksam zu begleiten.

Wir brauchen Priester, die die Wirksamkeit der Sakramente, insbesondere des Ehesakramentes verständlich verkünden. Es ist aber keineswegs nur eine Angelegenheit der Priester, vom Wert, von der Wirkung des Ehesakramentes zu sprechen. Wir brauchen christliche Ehepaare, die in den heutigen Verhältnissen, als Hauskirche leben, ihre Erfahrungen entwickeln und an andere weitergeben bzw. mit ihnen Austausch halten. Ehe und Familie gehören zu den wichtigsten Themen heute und morgen. In jeder Pfarre, in jeder Gemeinschaft müsste das ein großes Anliegen sein. Wenn der Glaube nicht in der Familie praktiziert wird, ist die Verkündigung der Kirche nur sehr beschränkt fruchtbar.

In der Verkündigung muss der Bezug des Evangeliums zum konkreten Familienalltag erschlossen, sein Bezug zum persönlichen und gemeinsamen Bemühen aufgezeigt werden, damit ein christliches und menschlich erfreuliches Leben gelingt. Die Bedeutung der Eucharistiefeier für das Wachsen in der Liebe muss verdeutlicht werden: in ihr wird das Wort Gottes verkündet und Christus mit seiner großen Liebe, mit Leib und Blut gegenwärtig. Die einfühlsame Spendung des Bußsakraments und die damit verbundene persönliche geistliche Begleitung kann eine sehr wirksame und ermutigende Hilfe sein. Die Betonung, dass wir nicht nur auf uns allein gestellt sind, sondern Gott uns hilft, ist grundlegend. Andererseits müssen auch christliche Lebensgewohnheiten, die eine echte Inkulturation des Glaubens erleichtern und fördern, neu entwickelt und verbreitet werden.

Von großer Bedeutung ist die Ehevorbereitung. Sie ist ein Thema, das eigens zu behandeln wäre.

Ein anderer wichtiger Bereich ist die Jugendarbeit, die den Charakter einer Berufungspastoral haben sollte, denn jeder Mensch ist „berufen“. Es kann eine Berufung zum Priesteramt, zum Ordensmann, zur Ordensfrau, zu einem besonderen apostolischen Einsatz sein oder eine Berufung zur Ehe, die ebenfalls eine Berufung zur Heiligkeit bedeutet. Diesbezüglich ist meines Erachtens eine Neuorientierung der Jugendarbeit und der so genannten Berufungspastoral nötig.

So bitte ich Sie, diese Gedanken bezüglich der sakramentalen Gnade des Ehesakramentes nicht bloß als theoretische Erwägungen zu betrachten, sondern die große Herausforderung zu erkennen, der sich alle jene, die glauben, stellen müssen: Wir dürfen die Frohbotschaft nicht für uns behalten, wir dürfen nicht verheimlichen, dass es großartige Hilfen für den Menschen gibt, besonders auch für Eheleute und christliche Familien. Es muss uns ein großes Anliegen sein, dass auch den Menschen von heute und morgen von Christus Kunde gebracht wird. Mit seiner Hilfe ist eine lebenslange, glückliche Ehe möglich und wird auch heute eine christliche Familie gelingen.

So verbleibt mit besten Wünschen

+ Klaus Küng