Familienpastoral in den Pfarren

Referat von Horst&Ingeborg Obereder in Feldkirch
19. März 2003 - stark gekürzte Version

1. Begriffsbestimmung

1.1. Der gute Hirte

In der Homepage eines Pastoralamtes ist zu lesen:
„Was Seelsorge und der Auftrag des Pastoral-Amtes sind, erschließt sich aus der Betrachtung des Guten Hirten.

Der eigentliche Seelsorger und Hirte ist Christus, der Auferstandene, selber.

Der Bischof und in seinem Auftrag das Pastoralamt wollen helfen, dass die Stimme Christi gehört und sein Hirtenamt erfahren werden können - in der Zuwendung zum einzelnen Menschen und der Sorge um die Gemeinschaften, im sakramentalen und alltäglichen Dienst an der Einheit, in der Deutung der Zeichen der Zeit.“

1.2. Definition des Wortes Pastoral

Nach Prof. Paul Zulehner bezeichnet der Begriff "Pastoral" das Handeln der (christlichen) Kirche(n). PUNKT!

1.3. Herkunft des Wortes Pastoral

Lateinisch heißt Pastor: Hirt, Hüter oder Beschützer
Der Pfarrer muss Hirte und Lehrer sein, er muss den Verlorenen nachgehen!

Nach dem Duden heißt pastoral: - pfarramtlich, seelsorgerisch

Pastoral ist natürlich auch Seelsorge:
Sorge ist notwendig, wenn es um eine Not geht – der Pastor ist der Hirte, der sich um diese Not annehmen soll.

1.4. Der pastorale Anspruch der Leitung

Das Problem, ob Pastoral etwas mit Leitung zu tun hat, wurde von verschiedensten Seiten beleuchtet.
Peter F. Schmid (Univ. Doz. pfs@pfs-online.at) hat einen ausführlichen Beitrag zum Leitungsdienst verfasst. Einige Gedanken: http://www.pfs-online.at/papers/paper-leiter.htm
 

Kurz gefasst sagt er:

„Führen“, wie „leiten“ bedeutet demnach:
„Jemandem eine Erfahrung machen, jemanden zu einer Erfahrung bringen.“

Es soll eine christliche Erfahrung sein und nicht irgendeine Erfahrung.
Es gilt eben nicht: „Jemanden irgend eine Erfahrung machen lassen, ihn dabei unterstützen.“
Die Erfahrung allein, kann wirklich daneben gehen. Da macht meine 15-jährige Tochter die Erfahrung, dass sie schwanger ist. Ich kann sie wohl nicht ermutigen, diese Erfahrung zu mach!

Und P. Schmid sagt weiter: Das Althochdeutsche „fuoren“ heißt „in Bewegung setzen, fahren machen“. Die niederhochdeutsche Hauptbedeutung ist „leiten, die Richtung bestimmen!“
Und „Anleiten“ bedeutet „mit etwas vertraut machen, beibringen, einführen“.
Und er sagt in der Kirche ist „leiten“ ein unverzichtbarer Dienst!

Ich darf zusammenfassen: Familienpastoral ist:

2. Berichte/Wünsche von jungen Menschen/Familien

Die Wirtschaft braucht ein sog. „Marketing“, um ihre Produkte an den Mann zu bringen. Dazu gehört auch eine Erkundung des Marktes – welche Wünsche und Vorstellungen haben denn jene überhaupt, denen man die Produkte anbieten will.
So haben wir zunächst andere, vorwiegend junge Familien gefragt: „Was sollte deiner Meinung nach ein Pfarrer für die Familien tun?“ Einige dieser Anregungen möchte ich nun vorstellen. Es folgt also so eine Art „Marktanalyse“:

2.1. Präsenz des Pfarrers

„Ich würde mir sehr wünschen, dass man den Pfarrer schon an seiner Kleidung erkennt. Er soll präsent sein – und zwar als Geistlicher. Eben anders als irgendein Nachbar“, sagte spontan eine Familienmutter.

In der Politik wird von „Bürgernähe“ gesprochen. Je mehr ein Politiker jemand zum „Anfassen“ ist, je näher er dem Bürger kommt, desto besser ist die Aussicht, dass seine Partei gewählt wird. Christus verweist uns immer wieder auf die „Klugheit der Kinder dieser Welt“. Da sollten wir uns etwas abschauen!

Auch in der Pfarre ist daher die „Nähe zum Gläubigen“ notwendig. Dies gilt natürlich in besonderer Weise auch für die Familien.

Wir brauchen daher viel mehr Pfarrer „zum Anfassen.“ Pfarrer, die präsent sind.

In der Öffentlichkeit aber scheint ein Priester kaum auf. Denn die wenigen Priester, die wir noch haben, sind zumeist wie die Laien gekleidet – zivil. Wie soll mir der Pfarrer nahe sein, wenn ich ihn als solchen gar nicht einmal erkennen kann. Der Pfarrer könnte das Bewusstsein für seine Präsenz unter der Pfarrbevölkerung leichter herstellen, wenn er auch als Priester erkenntlich wäre. Das gilt besonders für die Städte, wo ja alles – auch ein Geistlicher - viel anonymer ist als auf dem Land.
Hingegen erkennen wir einen Gendarmen, einen Rotkreuzhelfer oder einen Feuerwehrmann an seinem „Outfit“. Das ist sehr vorteilhaft für uns, denn wir wissen sofort, wen wir um welche Auskunft oder Hilfeleistung bitten können.

Ich denke jetzt vor allem an die jungen Menschen. Viele sehen heute jahraus jahrein keinen Priester mehr. In die Kirche kommen sie nicht. In der Schule unterrichtet auch zumeist das Fach „Religion“ ein Laie. Und auf der Straße begegnen sie auch keinen. So vergessen sie leicht, dass es überhaupt einen Priester gibt. Wo ist da der „Pfarrer zum Anfassen“?

Ich glaube, dass die so häufige Flucht in die Zivilkleidung viele Möglichkeiten zur unmittelbaren Seelsorge verhindert.

Vielleicht gehört die Priesterkleidung zu den einfachsten aber wirkungsvollsten Hilfsmitteln für eine gelungene Pastoral und Familienpastoral.

2.2. Persönlicher Kontakt und Hausbesuche

Ein Ordensmann sagt, was er als Pfarrer tun würde:
„Ich würde die Familien besuchen! Ich sehe ja, wer in die Kirche kommt – wenn ich da ein Ehepaar entdecke, das regelmäßig mit seinen Kindern in die Kirche kommt, würde ich sie nach der Messe ansprechen und fragen, ob ich sie einmal besuchen kann.“
„Und dann?
„Ich würde gleich gesinnte Familien zu Familienrunden zusammenführen. Ich würde so etwas wie einen ‚Hebammendienst’ leisten.“ Und er betonte: „Ich würde den Leuten ‚nachlaufen’, eine ‚nachlaufende’ Seelsorge betreiben. Vor Ort kann man konkrete Ratschläge geben. Von der Kanzel her bleibt es leicht anonym. Aber im privaten Raum hat man eine große Chance.“

2.3. Gruppenbildung

„Ich würde gleich gesinnte Familien zusammen führen“, sagte der erwähnte Priesterfreund. Wenn verschiedene Interessengruppen zusammengeführt werden, kann leichter eine familiäre Atmosphäre in der Pfarre entstehen.

Solche Interessengruppen könnten sein: Kleinkinder-Spielgruppen; Mütterrunden, vielleicht spezielle für die Jungmütter oder die Großmütter – „Wir über 50“ und natürlich Familienrunden.

Eine mögliche Vision:
Die jungen Mütter treffen sich im Pfarrcafe oder Pfarrbuffet; gelegentlich kommt der Pfarrer – spricht ein geistliches Wort, nicht lang, aber tief und praktisch, so wirklich zum Mitnehmen. Dann kommt es zu einem Austausch zwischen den Müttern … aber nicht nur über die letzte Impfung und die verträglichste Babykost, sondern auch darüber, wie das Glaubensleben zwischen Windeln und Kochtöpfen aussehen kann. So wäre das wirklich ein Gewinn.

2.4. Kinderfreundlichkeit

Schließlich habe ich meine eigenen Töchter befragt. Die jüngere sagte:
Bei den Gottesdiensten komme ich mir oft vor wie bei einem Spießrutenlauf. Oft hat man den Eindruck, dass kleine Kinder in der Kirche nicht erwünscht sind! Martina schilderte mir ein sehr negatives Erlebnis:

Eine junge Mutter, die selbst schöne Erinnerungen an Erlebnisse mit einem Priester hatte sagte: „Wie schade, dass wir keinen Priester haben, der mit unseren Kindern ab und zu ein wenig spricht oder gar mit ihnen spielt.“

Wenn Kinder in der Kirche schreien, braucht man ein Rückzugsplätzchen (Sakristei, Seitenkapelle oder …), sonst gibt es natürlich Probleme.
Natürlich sind auch Kinderbücher zum Ausborgen von Nutzen.

2.5. Das „Sauerteig“- Prinzip anwenden

Viele Familien guten Willens kommen sich in der Kirche an den Rand gedrängt vor. Die Randgruppen in der Kirche werden oft derart beachtet, dass sog. „heile Familien“ auf der Strecke bleiben. Die wiederverheirateten Geschiedenen, die Alleinerzieher u.a. müssen natürlich auch ein wichtiges Anliegen der Seelsorge bleiben. Aber auf Kosten der gläubigen Familie?

Die Pfarre muss Angebote für Familien bieten, die nicht mit der Welt schwimmen wollen! „Eine junge Familie, die christlich sein will, aber so alleine herumtappt, ist eigentlich arm. Ich möchte, dass sich jemand um sie kümmert.“

Übertragen hieße das: Einige Kernfamilien intensiv vorbereiten und schulen – sich um diese „kümmern“ - um es mit den Worten einer jungen Familienmutter zu sagen - und mit diesen Familien dann die Pfarre beleben. Der „Sauerteig“ wird ganz sicher - seiner Natur entsprechend – seine Arbeit tun.

2.6. Keine Verkürzung des Glaubens
– klare Verkündigung und unverfälschte Liturgie

Gerade junge Ehepaare erwarten sich von der Pfarre immer wieder praktische Wegweisung und Ermutigung. Die christlichen Familien haben das Nörgeln und Infragestellen von Glaubenswahrheiten satt. Sie wollen auftanken, nicht mit Zweifeln über den Glauben konfrontiert werden. Die Pfarre soll ein Zentrum zur Stärkung des Glaubens sein und nicht eine Stätte, um Unsicherheit zu nähren.

Eine junge Frau sagte: „Die Priester sollen auch nicht immer wieder den Zölibat in Frage stellen. Wie schön wäre es, wenn man erkennen könnte, dass sie Freude haben an ihrem Beruf. Das würde uns zeigen, dass der Glaube wirklich tragen kann.“

Um seelisch auftanken zu können sind keine „Supermessen“ erforderlich. „Ich mag nicht, wenn an den Messen so viel herum experimentiert wird, wenn immer etwas geändert wird. Bei diesen konstruierten Messen geht oft das spirituelle Element verloren. Schöne Lieder wünsche ich mir“, sagte eine junge Frau, „aber bitte nicht zuviel kürzen und immer etwas ändern.“

„Die Liturgie soll sich nicht von Pfarre zu Pfarre ändern!
Wie soll man sich denn dann in der Kirche noch zu Hause fühlen?“

Viele kennen sich in der Liturgie gar nicht aus. Sie wissen nicht, was wann und warum geschieht. „Es wäre schön, wenn immer wieder ein kleiner Teil der Hl. Messe erklärt würde – vom Kreuzzeichen am Anfang bis zum Segen. Für die, die es wissen, wäre es eine Vertiefung, aber die anderen würden in die Liturgie hineinfinden. Vor allem aber wäre es für die Kinder sehr gut, dass sie sich mehr und mehr in der Messe zurechtfinden.“

„Hinführung ist alles“, hat mir ein Priester gesagt. „Ich betone sehr oft bei der Messeinführung, dass die Messe ‚Bundeserneuerung’ ist. Und dass wir bei der hl. Kommunion wieder ganz eins werden mit unserem wichtigsten Lebenspartner, mit Jesus. Manchmal sage ich dann auch von daher einige Worte über den Ehebund.“
Die Pfarre muss die erste Anlaufstelle zur Vertiefung des Glaubens sein. Die katholischen Familien sollen katholische Lehre hören, damit sie zu ihrer Identität finden können.

Der fehlende, klare Glaube in den Familien führt zu Orientierungslosigkeit, manchmal zu Tragödien.

Wenn es in einer Anleitung für Familienpastoral heißt: „Es geht nicht um Belehrung…“ weiß ich nicht, worum es sonst gehen soll. Das Wort „Belehrung“ ist zwar mies gemacht worden. Aber dass in der Pastoral auch gelehrt werden muss, sollte eigentlich klar sein!

Ich schlug einmal die Hl. Schrift auf, um zu suchen, was darin über das Lehren steht. Ich bin ständig darauf gestoßen, dass Jesus das Volk lehrte und dass Er es mit Vollmacht lehrte. Nicht wie die Schriftgelehrten! Schlagen Sie irgend ein Evangelium auf und blättern Sie ein wenig darin: Sie stoßen darauf, dass Jesus lehrt:

Jesu Lehre ist klar, sie bringt Orientierung und Sicherheit. Jesus lehrte sehr wohl und Er erteilte Seinen Aposteln den ausdrücklichen Auftrag zum Lehren.

Das war nun ein kleiner Einblick in die Wünsche und die Not von vorwiegend jungen Familien Nun aber überlasse ich meinem Mann das Wort.

3. Familienpastoral nach kirchlicher Lehre/Dokumenten

Natürlich gibt es auch Richtlinien vom Papst zur Familienpastoral – aber man muss sie lesen und dann ins Praktische übersetzen!
Familiaris consortio ist so ein Dokument, das Standarddokument für die Familienpastoral. Ich möchte einige Stellen des Dokumentes in Erinnerung rufen:

4. Standortbestimmung

Ich finde es nützlich, die verschiedenen Gruppen von Familien in einer Pfarre einmal nach ihrer Position zur Kirche zu benennen. In Ezechiel 34,16 steht:

Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen,
die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen,
die fetten und starken behüten.

In Anlehnung daran kann man fünf Gruppen von Familien in einer Pfarre finden:

a. „Heile Familien“             … fette und starke behüten
b. „Schwache Familien“      … schwache kräftigen
c. „Vertriebene Familien“    … vertriebene zurückbringen
d. „Verlorene Familien“       … verlorene suchen
e. „Verletzte Familien“       … verletzt verbinden

Wenn ich nun grobe eine Aufteilung aller katholischen Familien auf eine der fünf Gruppen wage, dann nur um etwa eine Sicht der derzeitigen Situation zu erhalten. Ich finde nach Prozenten:

40-50% verlorene 45,0% (mittel)
15-30% schwache 22,5%
10-20% verletzte 15,0%
05-15% vertriebene 10,0%
05-10% heile 07,5%

Bei einer Standortbestimmung geht es um einen IST-Zustand ohne Schminke – eher schwarz-weiß. Nach unseren Erfahrungen – und ich spreche hier vom Durchschnitt und nicht von einzelnen Pfarrern – gilt für die einzelnen Gruppen folgendes:

verlorene:     sie bleiben verloren – kaum pastorale Rückholbemühungen
schwache:    die Pastoral erschöpft sich oft darin, Schwaches zu erhalten, wie es ist
verletzte:      Bemühung um Problemgruppen … Geschiedene, Homos …
vertriebene:  Kirchensteuer - charismatisch – traditionell … kaum Rückholversuche
heile:            keine besondere Förderung … sind oft „zu fromm“ – Pharisäer …

In einer Familie und auch in einer Pfarre kommt immer einer zu kurz, aber es darf nicht immer derselbe sein!
Wir haben oft den Eindruck, dass die „heilen Familien“ heute oft zu kurz kommen.
Das ist für die betroffenen Familien sehr entmutigend.
Es gibt doch nicht nur problematische Familien: Es herrscht auch nicht auf der ganzen Welt Hochwasser!!!

5. Neuorientierung

Wenn auch nur ein Teil der angeführten Kritik stimmt, dann ist eine Neubesinnung und Neuorientierung für die Familienpastoral dringend angesagt.
Es muss vor allem das Ziel der Familienpastoral klar definiert werden.

5.1. Ziel der Familienpastoral

Wir haben die Familienpastoral allgemein schon definiert als:

Dies bedeutet für das einzelne Familienmitglied, dass es:

5.2. Ehe und Familie als sakramentaler Auftrag

Das Verständnis von Familie in unserer Gesellschaft hat sich weitgehend vom kirchlichen Eheverständnis entfernt.

Heute wird von "partnerschaftlichen Lebensformen", "Ehealternativen", von „Lebensabschnittspartner“, „Patchworkfamilien“ u.ä. gesprochen. Alle sog. „Lebensformen“ sollen gleichwertig nebeneinander stehen. Hinzu kommt die hohe Zahl an Ehescheidungen auch unter Gläubigen.

Nur die Kirche kann noch die Hoffnung erfüllen, die Ehe als das zu sehen, was sie von Gott her ist: als Sakrament. Die Familienpastoral muss dies als Leitbild haben:

Die Ehe ist ein Sakrament!

Und sie muss ihre Verkündigung danach ausrichten. Jesus Christus ist gegenwärtig in der Ehe. Seine Gnade ist zugesagt!

„Nach dem Sündenfall hilft die Ehe, den Rückzug in sich selbst, den Egoismus, die Suche nach dem eigenen Vergnügen zu überwinden und für den Anderen offen zu sein, bereit ihm zu helfen und für ihn da zu sein.“ (KKK 1609)
„Die Gnade der christlichen Ehe ist eine Frucht des Kreuzes Christi.“ (KKK 1615)
Es darf daher in der Ehepastoral die Verkündigung nicht fehlen, dass die Eheleute ihr Kreuz auf sich nehmen müssen, wenn sie Jesus nachfolgen wollen und dass sie dadurch ihre Ehe heiligen.
Jesus wird mit Seiner Gnade bei den Eheleuten sein – in guten und in bösen Tagen! Das muss den Menschen verkündet und erklärt werden: im Brautunterricht, bei Eheseminaren, bei Predigten, in Pfarrbriefen…

5.3. Apostel für die Familien heranbilden

Die Ehepaare sollten dahin geführt werden, dass sie bereit sind, auch jenen Teil des Eheversprechens, der auf das Apostolat und die Gemeinde hin ausgerichtet ist, zu leben.
Es heißt im Trauungsritus:

“Sind sie bereit als christliche Eheleute ihre Aufgabe in Ehe und Familie, in Kirche und Welt zu erfüllen?“

Heile Familien sind ein Geschenk für eine Pfarre. Viele Pfarren „leben“ von solchen Familien, wenn es auch nur wenige sind. Es geht also heute darum, heile Familien in einer Pfarre aufzuspüren. Derartige Familie zeichnen sich vor allem durch Glaubensstärke und Treue aus. Kleine Schlagseiten und Besonderheiten dürfen da nicht störend sein. Familien, die in der Pfarre als Familien erscheinen – z.B. die Eltern kommen mit ihren drei Kindern regelmäßig zum Gottesdienst, sind hin und wieder auch Wochentags zu sehen – das muss doch jedem Pfarrer auffallen – oder?

Solche Familien muss ein Pfarrer ansprechen, sie besuchen. Die Frucht dieser Suche werden neue apostolische „Familiengruppen“ in den Pfarren werden. Und wenn es nur 2 oder 3 Ehepaare sind. Mit ihnen kann der Pfarrer eine Pfarrmission aufbauen, die nicht der Pfarrer alleine tragen muss.
Es kann der Einwand kommen: „Was sollen einige Ehepaare in der Pfarre ausrichten? Fast alle Pfarrbewohner denken anders. Hat es überhaupt einen Sinn, mit einer Mission zu beginnen? Kann man den Zeitgeist überhaupt durchbrechen?“
Zugegeben, es scheint so zu sein – aber wir dürfen uns nicht dem Druck der Allgemeinheit, dem „Konformitätsdruck“ überlassen. Er ist kein unabwendbares Schicksal. Wir sind gerufen, jeder an seinem Platz, diesen Konformitätsdruck zu durchbrechen.

Schweigen bringt nichts. Eine gute Familienpastoral sollte sich bemühen, die Werte von Ehe und Familie, und alles, was dazugehört, glaubwürdig zu vermitteln. Sie muss erklären, begründen, Argumente als Handreichung zur Verfügung stellen.

Wenn der „Sauerteig“ gut ausgerüstet ist, kann sich die ganze Pfarre verändern. Couraggio – sagt der Hl. Vater – habt Mut!!!
Wir wünschen uns Familien, die andere Familien für Jesus gewinnen!

6. Hilfsmittel für eine fruchtbare Familienpastoral – pastorale Hilfen

Wir haben uns natürlich auch überlegt, welche Hilfsmittel es für eine gesunde Familienpastoral gibt und haben drei Hilfsmittel gefunden:

6.1. Geistliche Hilfsmittel – Spiritualität

Der Theologe Paul Zulehner sagt:
„Der Maßstab, an dem sich das Handeln der Kirche messen lassen muss, ist das Evangelium. Nur wenn die Kirche sich als eine Gemeinschaft erweist, in der die Frohe Botschaft verkündet und gelebt wird, wird sie ihrem Grundauftrag gerecht.“
Der Heilige Vater formuliert es kürzer; er schreibt in Familiaris consortio:

„den Weg Christi müssen sie gehen!“

Das heißt, es gibt keine Familienpastoral ohne Pflege der Spiritualität!

Die Zwei Säulen der Familienpastoral

I. Sakramentenpastoral

1. Heilige Messen

2. Predigt

Themen könnten sein:

3. Erstkommunion und Erstbeichte

Die Erstkommunion ist mit Recht in jeder Pfarre ein besonderes Fest.
Die Auswahlkriterien für die „Tischmütter“ sollten dort oder da neu überdacht werden. Geeignet, um Kinder auf die hl. Kommunion vorzubereiten, können doch nur Personen sein, die selbst regelmäßig die Messe besuchen, die man zumindest hin und wieder auch am Wochentag sieht und die der Pfarrer deshalb auch kennt.

4. Beichte

Abgesehen davon, dass wir die Erstbeichte vor der Erstkommunion für sehr wichtig halten – wir hätten gern, dass auch für die anderen wieder verstärkt die Beichte angeboten wird.
In vielen Pfarren sind die Leute von der Beichte schon völlig entwöhnt.
Wie aber soll Frieden in den Familien einziehen, wenn nicht jeder immer wieder herausgefordert wird, sich zu besinnen und umzukehren. Die beste Chance dazu ist die Beichte. Zuvor aber muss sie angeboten werden.

5. Firmung

Das ist das Sakrament, das die Initiation abschließt. Nun ist der Jugendliche ein „Vollchrist“.
Die Firmung ist nicht das „Sakrament des letzten Kirchenbesuches“? Da ist Handlungsbedarf!!!
Vielleicht müssten Firmkandidaten kleine Glaubenskurse absolvieren, auf jeden Fall darf das Sakrament nicht zu einer „Gaudi“ mit kirchlicher Beteiligung verkommen.

II. Gebete und Riten

1. Einfaches Gebet

Die Gläubigen sollten immer wieder zum persönlichen Gebet, zum Familiengebet und zum Gebet in der Pfarre eingeladen werden.
Gut!

2. Rosenkranzgebet

Eine besondere Stellung im Familiengebet sollte der Rosenkranz einnehmen. Als Hinführung zu den Heilsgeheimnissen ist der Rosenkranz von besonderer Bedeutung. Wie für die Anbetung ist auch für den Rosenkranz eine pastorale Hinführung von großer Bedeutung.

3. Eucharistische Anbetung


Die Anbetung sollte zu einem „Kraftwerk“ für jede Pfarre werden. Wir bemerken eine zunehmende Tendenz „Anbetungsstunden“ anzubieten. Da muss die Kirche nicht voll sein, es genügen wenige!

4. Wallfahrten

Mit Christus unterwegs sein, ist eine altbewährte Übung. Familienwallfahrten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Da wird das Christentum praktisch und zeugnishaft.

5. Begräbnisse

Die Vorbereitungsgespräche für die Beerdigung sind eine hervorragende Gelegenheit, in die Familien zu kommen. Durch den Tod eines Angehörigen sind die Menschen offen für Gott wie kaum sonst irgendwann.
Ein Priester sagte mir, dass er einen großen Bonus hat, wenn er etwa etwas Gutes über die verstorbene Mutter sagt. Viele kommen anschließend zur Beichte.

6. Segnungen

Bitte nehmen Sie alle Sakramentalien sehr ernst!
Die Menschen hungern darnach. Segnungen der Häuser, der neuen Wohnungen, der Kleinkinder beim Kommuniongang, der Firmen und Autos ...
Und alle Angebote der Kirche: Wettersegen, Blasiussegen ...

Aus den beiden Säulen der Familienpastoral den

  • Sakramenten
  • Gebeten&Riten

wachsen wie von selbst die beiden Arme heraus:

  • Apostolat
  • Caritas

Das Haupt ist natürlich Christus

 

6.2. strukturelle Hilfsmittel – Aktivitäten

Pastorales Projekt: „Familiennetz“

Früher gab es in einer Pfarre in regelmäßigen Abständen Pfarrmissionen, der Missionar oder das Missionsteam sprachen zu interessierten Zuhörern und zogen wieder fort.

Diese Methode entspricht dem Frontalunterricht, demgegenüber der Aufbau eines „Familiennetzes“ dem Gruppenunterricht entspricht.

Es gibt sicher viele pastorale Modelle.

Das Modell der „gruppenorientierten Pastoral“, könnte konkret so ablaufen:



Aufbau eines Familiennetzes in der Pfarre

1. Informationsabend

Der Pfarrer lädt interessierte Ehepaare zu einem Informationsabend ein und erklärt sein Vorhaben. Er möchte in der Pfarre Familienrunden bilden, die sich regelmäßig treffen und nach einem vorgegebenen Programm weiterbilden. Ausbildungsziel ist der „Familienapostel“.
Der Pfarrer bitte interessierte Paare, sich zu melden.
Es sollen etwa 2-4 Ehepaare eine Gruppe bilden.

2. Bildung von Familienrunden

Der Pfarrer sichtet die Anmeldungen und bildet mit Zustimmung der Familien eine bestimmte Zahl von Familienrunden.

3. Zusammenkunft in den Familienrunden

Die Treffen sind regelmäßig 14-tägig (mit Ausnahme auch wöchentlich oder monatlich) und laufen nach einem gleich bleibenden „Programm“ ab. Die Gastgeber wechseln z.B. in alphabetischer Reihenfolge ab.
Die Zeit des Treffens sollte mit zwei Stunden begrenzt werden. Kinder dürfen kein Hindernis sein. Der Pfarrer sollte bei der ersten Runde „Geburtshelfer“ sein und im weiteren Verlauf – je nach Anzahl der Runden sich fallweise sehen lassen.

4. Ablauf der Familientreffen
5. Inhalt des Fortbildungsteiles
Erstes Jahr
Zweites Jahr

Nach diesem Jahr werden die Ehepaare in einer besonderen Feier zu „Familienapostel“ ernannt und als solche in ihre eigene Familie, in die Pfarre und in ihre Betriebe gesendet.

Die Familienrunden bleiben weiter bestehen, versuchen ihre eigenen Aufgaben zu finden und sich immer weiter in den Glauben zu vertiefen und sich gegenseitig zu stärken.

6. Apostolat in der eigenen Pfarre

Ein besonderes Anliegen der Familienrunden soll nach der Sendung als „Familienapostel“ das Gespräch mit anderen Pfarrfamilien sein. Die bestehenden Gruppen sind aufgerufen, nach neuen Familien und neuen Gruppen Ausschau zu halten. Auf diese Art und Weise werden die alten Familienrunden zu Multiplikatoren und garantieren eine „ewige Pfarrmission“.

Aktive Familien müssen sich attraktive „Einstiegsmöglichkeiten“ für andere Familien überlegen. Die Themen des täglichen Lebens geben meist die Möglichkeit zu einem guten menschlichen Kontakt und zum Aufbau des Vertrauens. Mit der Zeit kann auch über den Glauben gesprochen werden.

7. Weiterführende Angebote

Besonders engagierte Familien werden zu weitergehenden Ausbildungen – aber auf möglichst lebensnahem Niveau eingeladen. Hier gibt es z.B. eine neue viersemestrige Ausbildungsmöglichkeit zum Katechisten (LAK - Lehrgang zur Ausbildung von Katechisten“ an der theologischen Hochschule Heiligenkreuz ).

8. Überpfarrliche Angebote

Die gesamte pastorale Struktur könnte von einem Dachverband, der „Initiative Hauskirche“ getragen und werden.
Es ergäben sich in der Folge natürlich Familientreffen auf diözesaner, nationaler und internationaler Ebene.
Diese Treffen dürfen und sollen natürlich keine Konkurrenz zu bestehenden Familientreffen, etwa, der Fokolare, Emmanuel und anderer Bewegungen sein, sondern all diese Gruppierungen mit einschließen.

6.3. persönliche Hilfsmittel – Heiligung

Viele Heilige sagten von sich: „Ich tauge nichts, ich habe nichts, ich kann nichts, ich bin nichts, ich weiß nichts …“ oder Ähnliches.

Ich glaube, uns allen geht es auch immer wieder so. Unsere jüngste Kirchenlehrerin, die kleine heilige Therese von Lisieux, antwortet uns folgendermaßen:

„…Lass deine Unfähigkeit zum Guten dich nicht trostlos machen. Wenn wir des Morgens gar keine Spur von Mut fühlen, keine Kraft, um die Tugend zu üben, so ist das eine Gnade: das ist der Augenblick, um die Axt an die Wurzel zu setzen, indem wir auf niemand zählen als auf Jesus allein. Wenn wir dabei fallen, ist alles in einem Akt der Liebe wieder gut gemacht…. Ich will mich ans Werk machen, ohne Freude, ohne Mut, ohne Kraft – und gerade diese Unfähigkeiten erleichtern mir das Unternehmen: ich will nur mit der Liebe arbeiten.“

So ist es auch in der Pastoral:
Ohne Hilfe von oben wird sich der Stein von Problemen nicht bewegen. Aber mit Gott werden Sie viel verändern. Dann, wenn Gott den richtigen Stellenwert hat, wenn der Priester nach Heiligung strebt, wenn er zuerst ein „Betender“ ist – und erst danach Manager, Kulturpfleger, Verwalter usw.

Wenn ich als Priester „erfolgreich“ sein will – als Priester und nicht als kirchlicher Beamter -, dann muss ich:

6.4. Was tun gegen Burn-out?

Dass ein Geistlicher auch wirklich ein geistliches Leben führt, sollte die erste Anforderung sein. Neben dem Gebet ist aber auch eine kluge Einteilung der Arbeit von großer Bedeutung, um sich vor ungesunder Überarbeitung zu schützen.

Darf ich Ihnen als Psychotherapeutin einige kleine Tipps geben, wie sie sich vor den Burn-out-Syndrom zu schützen können. Das wäre wohl einen ganzen Seminartag wert, aber einige Tipps in Kürze:

7. Schluss

Zum Abschluss will ich Ihnen ein kleines, unscheinbares, aber berührendes Erlebnis erzählen, das ich mit unserem kleinen Enkel hatte:

Ich war zu Besuch bei der Familie unserer jüngeren Tochter. Ich spiele lange mit unserem Enkel, Daniel. Er war damals etwa 20 Monate alt, ich musste wieder heimwärts eilen und zog mich an. Ich war noch nicht fertig, da hatte er aus dem Kasten seine kleinen Stiefel herausgesucht, stellte sie vor mich hin, nahm mich bei der Hand und sagte: „Omi!“
Mit dieser Geste hat er alles gesagt und ich habe ihn verstanden: "Nimm mich doch mit!"

Diese kleine Begebenheit ist für mich zu einem Bild für die Familien und ihre Hirten geworden.

Viele Familien können ihre Bedürfnisse nicht artikulieren. Aber wie unser kleiner Daniel stellen sie ihre Stiefel vor Sie hin. Es gibt viele kleine Zeichen, in denen sie ausdrücken, dass sie dringend einer Pastoral bedürfen.

Die Familien: